Beiträge vom August, 2007

Muster

Sunday, 26. August 2007 13:19

Die Ansicht, dass man beim Interpretieren von Objekten oder Verhalten “nur” Muster projeziert, die irgendwie mit den Aktivitäten des Gehirns in Verbindung stehen, erfreut sich großer Beliebtheit. Das kann man auch so stehen lassen (vielleicht ohne das “nur”, denn dass da irgendwelche Mechanismen im Spiel sind, stand ja immer außer Frage - sonst gäbs auch nichts zu forschen). Mich stört eher, dass das nicht hinreichend sein kann.

Dazu stelle man sich zwei Personen vor, S (für Stratege) und D (Strategiedeuter). Alltagsbeispiele wären: ein Personalchef, der einem Bewerber nicht sagt, was er eigentlich mit ihm vorhat, eine Frau, die einen Mann an der Nase herumführt (sie spricht von Liebe und meint sein Portemonnaie), ein Verkäufer, er seine besseren Informationen beim Verkauf gegenüber D kapselt, zwei Schachspieler, bei denen einer die weißen Steine, der andere die schwarzen hat (Nachziehen), ein Lehrer, der seinen Schülern absichtlich vorgaukelt, sie bräuchten später das Wissen, das er lehrt (und über dieses Werbemanöver seinen Unterhalt bezieht; vor kurzem erlebt: ein Lehrer insinuiert Schülern, ohne Pythagoras gings im Leben nicht).

Wir haben a priori die Vorstellung dass der D den S falsch interpretieren kann (unzutreffendes Muster). Wir können uns auch vorstellen, dass D sich immer näher an die tatsächliche Strategie von D heranpirscht (formal ist das so: er beginnt mit einer grobkörnigen Hypothese, und schachtelt sie immer feinkörniger ein, sodaß die grobkörnigste Hypothese aus allen feinkörnigeren folgt).

Das Entscheidende ist: wir haben eine Vorstellung davon, dass D den S prinzipiell “stellen” kann; dann nämlich, wenn seine Hypothesen genau das abbilden, was S sich tatsächlich denkt. Das ist nicht nur “Gedankengut”, denn es schließen sich Handlungen an und man stellt evtl. stolz fest: “Ich bin ihm/ihr nicht auf den Leim gegangen.” Wir können jetzt sagen: D interpretiert S richtig, seine Hypothesen sind wahr. Auch über die Form dieser Hypothese, einem komplexen (zusammengesetzten) Satzgefüge, in denen von Absichten, Plänen, Modi, Überzeugungen die Rede ist: “Weil S dies und jenes erreichen möchte, und dies und jenes über mich und die Welt glaubt, macht er diesen und jenen Zug in dieser Art und Weise.”
Ein derartiges Aufschlüsselungs-Können ist heute eminent wichtig geworden, denn es stehen immer dichter werdende Sanktionen darauf, andere Personen per Gewalt zu dem zu bewegen, was im eigenen Interesse steht. Deshalb verschiebt sich alles in Richtung Kapselung, Schläue, Verdeckung, Informationsdefizite ausnutzen, vor vollendete Tatsachen stellen (”schneller ziehen”).
Redet man “nur” von Mustern, dann stellt man in Abrede, dass es richtige und verkehrte gibt, ja dass es die Möglichkeit einer idealen Abbildung gibt. Dass das der Normalfall ist, will ich damit nicht sagen, aber es ist prinzipiell möglich. Davon gehen wir auch im Alltag aus, selbst dann, wenn die Indizien mager sind. Oft sind wir auch zu faul, um nachzuforschen oder wir betrachten diese Investition als unökonomisch. Übrigens: Galilei ging ja auch von einem idealen Kalkül aus, und nicht von dem, was er vorfand (siehe. C.F. von Weizsäcker).

Es ist der Unterschied zwischen “einem Muster zuordnen” und das “richtige Muster zuordnen”, das die Musik macht. Einebnen kann man das nur, wenn man alle Muster als gleichwertig behandelt. Das aber ist absurd und könnte nicht erklären, weshabl manche Muster erfolgreicher sind als andere (zumindest langfristig). Es gäbe dann im Leben auch keinen Grund mehr, sich in irgendeiner Form schlauzumachen, zu “ermitteln”.

Es ist mittlerweile eine richtige Plage geworden, dass inadäquate Erkenntistheorien (zumeist Perspektivismustheorien oder Theorien, die mit einem metaphorischen Fehlschluss arbeiten, demgemäß Gehirne etwas “tun”) über derartig einfache Überlegungen einfach drübergestülpt werden. Vor allem handeln die Vertreter dieser Erkenntnistheorien ihren eigenen Theorien zuwider; denn sie glauben immer, dass man etwas tatsächlich herausfinden kann - sie schauen fern und lassen sich über die Geschichte aufklären, sie stöbern bei Wikipedia, nehmen Gesetzesnovellen ernst und machen andere per Argument darauf aufmerksam, daß sie etwas “falsch” sehen. Das ist ein Bruch zwischen theoretischem Unterbau und faktischem Handeln, auf den schon Dewey immer hinwies.

Um Missverständnissen vorzubeugen: in einer vollständigen Theorie können naturwissenschaftliche und “sonstige” Erkenntnisse nicht kollidieren.

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Thema: inquiry, motives, reasoning | Kommentare (0)

Vernunft

Saturday, 25. August 2007 14:11

In einem neuen Band names “Vernunft” von Herbert Schnädelbach steht auf der Rückseite des Buches geschrieben: “Den Begriff >Vernunft< kann man nicht klären, ohne auf seinen historischen Wandel einzugehen”. Das ist Bullshit. Wie kann es sein, dass man für die Antwort auf eine Gebrauchsfrage 141 Seiten benötigt? Es kann nicht sein. Hier versucht wieder einmal ein Philosophieprofessor, seine Gelehrsamkeit in Form einer verdeckten Philosophiegeschichte unters Volk zu bringen. Und angenommen, alles stimmt, was er sagt: kann man damit konstruktiv arbeiten? Nein, es sei denn, man hält selbst Vorträge und kultiviert Bildung als durchlaufenden Posten.

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Thema: general | Kommentare (0)

Mitschwimmen

Wednesday, 15. August 2007 12:20

Von dem Aachener Philosophen Geert Keil stammt der Satz: »Aufgabe der Philosophie ist nicht, auf der sicheren Seite zu sein, sondern herauszufinden, wie es sich tatsächlich verhält«. So isses. Man könnte noch hinzufügen: Es ist auch nicht deren Aufgabe, sich gegen etwas zu stellen - das Leben “als anderer” oder das Leben in der Revolte (”Wehren” als Lebensform; man kennt das aus der Frankfurter oder Teilen der “Französischen” Schule). Dem liegt eine verquere Vorstellung vom “Kritischen” zugrunde. Philosophie - richtig verstanden - ist unterkühlt und unabhängig von Solidaritätsadressen jeder Couleur. Sich gemein machen gilt nicht. Eine Solidaritätsadresse wäre es im übrigen auch, sich im Kompromißraum der “Mitte” aufzustellen. Sondern: man stellt sich schlicht dorthin, wo es die Überlegung erfordert. Insofern ist Philosophie politikfrei und ohne Fraktionszwang. Das schließt nicht aus, daß man genau zu den Ergebnissen gelangt, die eine andere Gruppe vertritt. Ausgeschlossen ist aber, daß man zu bestimmten Resultaten kommt, um dabei zu sein. Vielmehr handelt es sich um ein zufälliges Zusammenfallen der Ansichten, die sich oft hinsichtlich der Begründungsart noch einmal unterscheiden. Alles andere ist tendenziös.
Keils Charakterisierung - so richtig sie ist - muß aber noch erweitert werden, weil sie sich nur auf Doxastik (”was ist der Fall”) und nicht auf die praktische Philosophie bezieht (”was ist zu tun”). Ein Philosoph, der letzteres nicht bedient, ist intellektuell halbseitig gelähmt. Damit ist nicht “Umsetzung” gemeint, sondern der geschickte Gebrauch von Hirn zu Handlungszwecken. Im praktischen Bereich kommen Urteilskraft, Klugheit, Intelligenz und Rationalität im allgemeinen ins Spiel (”welche Züge mache ich aus welchen Gründen unter welchen Umständen?”). Es kann nicht sein, daß - wie oft anzutreffen - Philosophen überlegte Maßnahmen zur Überzeugungsfestlegung (”fixation of belief”) ergreifen, aber schwach in praktischen Kalkülen sind. Das erfordert eine weit größere gedankliche Abgeschlossenheit (ich nenne das “intellectual closure”) als das bloße Wirken eines Wissenschaftlers, der sich dann von der Ehefrau/dem Ehemann/dem Lebensgefährten am Gängelband des Geschlechtstriebs führen oder sich vom Chef sagen läßt, wo im Leben “tatsächlich” oder “eigentlich” der Hammer hängt (z.B. auf dem “Markt”). Ein reines Erfüllungsgehilfendasein muß dem Selbstverständnis eines tauglichen Philosophen zuwiderlaufen, denn es geht um Deutungshoheit. Er übernimmt bisweilen, imitiert aber nie. Wo die Gebrauchsdimension (”das Pragmatische”) nicht ausgefüllt wird, bekommt man die üblichen gebildeten, belesenen Witzfiguren zu sehen, die so fürchterlich unzeitgemäß und unbeholfen wirken. Und reines Distanzboxen ohne Punch a la Henry Maske wirkt unsexy. In nuce: der Output sollte schon eine Form revisionsfähiger Persönlichkeit sein - eine notwendige Bedingung für beratende Tätigkeiten alle Art.

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Thema: analysis, general | Kommentare (0)

Schema

Wednesday, 15. August 2007 7:04

Der Ausdruck “Schema” ist erkenntnistheoretisch völlig bedeutungslos (”er betrachtet dies und jenes unter dem Stereotyp F”). Man braucht niemanden darauf aufmerksam zu machen, daß er eins benutzt oder das es historisch oder kulturell andere gibt. Uns interessiert ja nur, ob “das Schema” greift.

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Thema: knowledge, truth | Kommentare (0)

„Einstellungen“

Wednesday, 15. August 2007 6:56

Wir werfen gerne mit Einstellungsprädikaten wie “skeptisch”, “realistisch”, “optimistisch” um uns, um Dispositionen von Personen zu markieren. Das ist Psychologie oder aber die Umgehung sprachlicher Redundanzen, denn nichts hängt von dieser Zuschreibung ab. Man tut so, als hinge Sinn und Verstand von Überzeugungen und Handlungen von ihnen ab. Das ist Humbug. Entweder der Gedanke greift, oder er greift nicht.

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Thema: reasoning, truth, words | Kommentare (1)

Kommen lassen

Wednesday, 15. August 2007 6:31

Nichts wird in Wortgefechten entschieden. Das Vertreten eines Standpunkts oder einer “Meinung” – das sind stets Kandidaten für personalen Gegenwind oder Irritationen. Man riskiert zusätzlichen Aufwand in Form von Erläuterung oder Krisenmanagement. Die Gefahr, sich Feinde zu machen ist einfach zu groß, und die Chance, durch Argumente Überzeugungen zu verändern, schlicht zu klein. Dies als Klugheitsmaxime, nicht als Exponierung von Lebensenttäuschung, denn diese Form von Enttäuschung zeugte bereits von einer vormals irregeführten Konzeption der interpersonalen Vorgänge um uns herum.

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Thema: beliefs, ecosophia, methods, motives | Kommentare (0)

Axiom

Tuesday, 14. August 2007 21:32

Manchmal wird so geredet, als hätten Axiome nur deshalb, weil sie irgendwie “grundlegend” sind, einen Sonderstatus. Es handelt sich aber auch nur um Sätze, die intuitiv vernünftig, sinnvoll oder zutreffend sind.

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Thema: beliefs, concepts&models, words | Kommentare (0)

Verwaltung

Saturday, 11. August 2007 15:19

Wenn man sich über den Status philosophischer Sätze im unklaren ist, - wenn man nicht weiß, ob es sich um analytische oder synthetische Sätze handelt (vgl. Kant) - dann macht man vermutlich keinen Fehler, Philosophie als Verwaltungstätigkeit aufzufassen. Überzeugungen, Konzepte in ihrer Gesamtheit + deren Verknüpfungen (web of belief) werden verwaltet. Ob das Mehrwert zutage fördert kann dann im Sinne eines Unternehmens beantwortet werden, das sich fragt, ob Verwaltungstätigkeiten wie “Rechnungen schreiben” oder “Buchhalten” im Verhältnis zur “Produktion” Mehrwert schafft. 

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Thema: analysis, concepts&models, ecosophia | Kommentare (1)

Funktion

Saturday, 4. August 2007 18:48

Es gibt eine wahrnehmbare Tendenz zur Funktionalisierung des Denkens. So läßt sich vorstellen, daß man einstmals substantielle Form-Vorstellungen syntaktischer, semantischer oder ontologischer Art dessen hatte, was als “Theorie” gelten kann (oder als “Definition”…). So könnte jemand gesagt haben, daß Theorien Überlegungen sind, die wahrnehmbare Dinge aufführen und einen anderen Tatbestand erklären. Dann war vielleicht aufgefallen, daß man oft nicht sichtbare Dinge benötigt (z.B. Absichten), um Handlungen zu erklären. So erweiterte man den Theoriebegriff. Diesen Vorgang stelle man sich mehrmals vor. Dann bleibt zum Schluß die mächtige, aber blasse Vorstellung übrig, eine Theorie sei etwas, das etwas anderes erklärt. Eine Variable mit einem Erklärungsfunktor. Die eingeschränkteren Formen zerschellen dabei jedesmal an unserem Unwillen, funktionierende oder tragfähige Ansätze aufzugeben. Vom Substanz- zum Funktionsbegriff sozusagen (Cassirer).

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Thema: reasoning, systematics | Kommentare (0)