Beiträge vom December, 2007

Glauben

Saturday, 29. December 2007 15:41

Wenn man den Anschluss an die heutigen Differenzierungsleistungen der analytischen Philosophie nicht verlieren möchte, dann muss streng zwischen zwei Verwendungsweisen des Ausdrucks “glauben” unterschieden werden. Man kann “an” etwas glauben (Gott, die Politik, das andere Geschlecht) und man kann glauben, dass p. Philosophen nennen letzteres den “epistemischen Glauben” (glauben, dass etwas der Fall ist, z.B. dass es regnet). Wie “trivial” ein derartiger Glaube ist, ist dabei irrelevant, entscheidend ist nur, dass man falsch oder richtig liegen kann. Demgegenüber taucht “glauben an” ohne propositionalen Anschluss auf (der dass-Operator fehlt). Es ist fraglich, ob der Ausdruck “glauben an” ohne Informationsverlust in “glauben, dass” übersetzt werden kann, denn wer an Gott oder die Politik glaubt, der verbindet damit nicht nur eine Existenzquantifikation (”ich glaube, dass es Gott gibt”), sondern vermittelt dadurch eine Hoffnung oder Vertrauensleistung. Letzteres fehlt beim epistemischen Glauben: denn der ist ausgesprochen “dry”: ein Satz der Form “glauben, dass p” liegt offen in ausgezogener Form da, Sätze der Form “glauben an” sind immer erläuterungsbedürftig.

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Thema: general | Kommentare (0)

Existentialismus

Saturday, 29. December 2007 13:08

Wenn man versucht, Controlling-Mittel auf das gesamte eigene Leben zu beziehen, und nicht nur auf diese oder jene Episode oder lokale Entscheidungshandlung (”kauf ich den Fernseher oder nicht”), dann stößt man auf eine Merkwürdigkeit: es kann nur das herauskommen, was das Lebensgefühl eh vorgibt. Dazu stelle man sich jemanden vor, der den starken Eindruck hat, dass das Leben völlig belanglos und und von einer steten Unbehaglichkeit begleitet ist. Regelmäßig meldet sich das deutliche Bewußtsein, dass sich der Aufwand nicht rentiert und das Leben eigentlich nur ein verzweifeltes Investieren und Aufrechterhalten einer physischen und geistigen Struktur ist, die eh gegen Struktur-Auflösung tendiert (der Körper läßt nach, die geistige Spannkraft ebenfalls). Die ganze ästhetische Dimension muss ja im Lebensgang schrittweise entwertet werden - das Szenario, froh zu sein, zukünftig noch unfallfrei aus dem Bett zu kommen, steht vor Augen. Der Stolz auf den eigenen Körper muss regredieren, weshalb Kleidung mehr und mehr der Verdeckung denn der Exponierung dient. Das läßt sich durchaus auch vom Jetztstandpunkt extrapolieren. Dann käme jemand daher und forderte ihn auf, sein “Gefühl” doch einmal zu überprüfen und “hart zu kalkulieren”. Unser Probant würde sich dann hinsetzen und nach bestem Wissen und Gewissen seine Lebensbilanz + spekulativer Entwicklung mit Attributwerten und Gewichtungen versehen, Aufwand und Ertrag quantitativ gegenüberstellen. Die Merkwürdigkeit: es wäre doch seltsam, wenn er nach Rechnung plötzlich sagte: “Hoppla, es rentiert sich ja doch - da bin ich aber überrascht!”. Der Verdacht muss sich aufdrängen, zu wenig Attribute eingespeist oder falsch gewichtet zu haben. Hier kann es nur die Flucht in die Zukunft namens Hoffnung geben: es könnte ja zu Wendungen und Umstülpungen der Sichtweise kommen. Das ist vermutlich auch die “Weichstelle”, an der plötzlich spiritualistisches Gedankengut seine Chance zur Einwanderung bekommt.

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Thema: ecosophia | Kommentare (0)

Konfusion

Friday, 28. December 2007 12:04

Man kann konfus sein, ohne konfus zu sein. Philosophen verwenden den Ausdruck “konfus” im Sinne von Vermengung (confundere). Es wird eine Differenzierung “übersehen”, die zu falschem/inkorrektem Gedankengut in der Folge führt. Im Alltag denotiert man damit aber einen Geisteszustand, insofern er (in Leibnizs Terminologie “verworren” ist. Jemand kann aber eine Differenzierungsleistung verfehlen, ohne verworren zu sein. So könnte jemand bei einer Weinprobe zwei sehr ähnlich schmeckende Rotweine nicht “auseinanderhalten” können (vermengen), ohne dass er geistig in Richtung Verworrenheit entgleist. Oder jemand könnte zu grobkörnige Unterscheidungen eines Fachbuchs rational übernehmen, ohne auch nur verwirrt zu sein. Ein Grund mehr, das Psychologische vom Sachlichen zu trennen.

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Thema: beliefs, knowledge, reasoning | Kommentare (0)

Normen

Wednesday, 26. December 2007 14:32

Moralische Normen kann man grundsätzlich nicht lernen. Dazu vergleiche man folgende Fälle: ein Kind kommt nach Hause und wird von der (ehrgeizigen) Mutter gefragt, was es denn heute gelernt habe. Wenn es antwortet: “den Dreisatz” oder “einiges über den Dreißigjährigen Krieg” oder “den Aufbau der Doppelhelix”, dann ist semantisch alles in Ordnung. Was aber, wenn es sagte: “dass man nicht schlagen darf”. Diese Rede ist sinnlosigkeitsverdächtig, weil man sich Normen nur im Lichte von möglichen Sanktionen - der Klugheit wegen - zu eigen machen kann, nicht aber “lernen”. Lehrer gewisser Fächer verstehen da häufig ihre eigene Tätigkeit nicht. Religion kann man nur empirisch unterrichten, indem man die Glaubenswelt von Personen skizziert. Wenn die Mutter hier nicht ironisch reagiert, dann ist sie ebenfalls konfus, obgleich sie sicherlich zufrieden ist. Man kann auch aus den falschen Gründen zufrieden sein.

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Thema: knowledge | Kommentare (0)

Folgen

Tuesday, 25. December 2007 12:06

In Texten zumeist philosophischer Natur habe ich - selbst unter Logikern - schon sinngemäß folgende Redeweise zu Gesicht bekommen: “Ich neige zu der Ansicht/vermute, das B aus A folgt”. Ist so eine Aussage jemals sinnvoll? Kann man eine logische Folgerung vermuten?

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Thema: reasoning | Kommentare (3)

Lebenskunst

Sunday, 2. December 2007 16:23

An die exoterischen Arbeiten von Wilhelm Schmid und anderen anschließend scheint es derzeit eine Hinwendung "professioneller" Philosophen zu den einfachen Themen der Lebensgestaltung zu geben (das “gute Leben”). Das ist zu begrüßen. Vor allem der Sorgebegriff scheint an zentraler Stelle wieder (Heidegger,…) in Abwandlungsformen aufzutauchen. Vor allem sollte man sein Augenmerk darauf richten, ob da wirklich Aussagen kommen, die die Scylla der Falschheit und die Charybdis des Gemeinplatzes unter Bedingungen kompromisslosen und zeitgemäßen Philosophierens meistern können. Kompromisslos ist es nur dann, wenn nicht auf soziale Korrektheit geschielt wird. Zeitgemäß nur dann, wenn man nicht nicht den Eindruck hat, die Texte könnten auch aus den vergangenen Jahrhunderten stammen. Komisch ist auf jeden Fall die Notdurft, ein Problem aufzugreifen und dabei zu glauben, man müsse Platoninterpretationen vorschalten. Ethische Einsprengsel, die eher eine indirekte und nichtrepräsentative Beschreibung eines unerotischen Gelehrtendaseins an einem deutschen Institut darstellen möchte ja auch niemand lesen. Interessant wird auch zu beobachten sein, inwiefern bestimmte Herren geradezu automatistisch bis zwanghaft Ethikbegriffe mit ins Spiel bringen glauben zu müssen. Sich dem zu sehr zu nähern kann dumm ausgehen: man könnte in unmittelbarer Nähe der Theologen stranden - was peinlich wäre.

Und was schießlich die Desiderate der Theoriebildung anbelangt, so wissen wir ja: je häufiger ein Theoretiker in Bezug auf Zwecke und Mittel der Weltorientierung (die Hauptstellschrauben der praktischen Philosphie) sagen muss, “das müsse jeder für sich entscheiden”, desto stärker schwindet die normative Kraft seiner Aussagen dahin und gerinnt zu einem großzügigen Formalismus. Auf die Gefahr angesprochen, man würde evtl. für die Wüste produzieren (wie das Lyotard mal genannt hat), wird man dann hören: “Ich wollte ja nur zum Denken anregen”.

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Thema: analysis | Kommentare (0)

Einrasten

Saturday, 1. December 2007 10:27

Vollständige ästhetische Befriedigung tritt nur dort ein, wo normative ästhetische Forderungen auf das empirisch Begriffene hin (das, was wir von der Welt kennen) “einrastet”. Hier gibt es keine Brüche, kein Wohlgefallen an der Abweichung, es gibt hier auch nicht die Kategorie des nur “Interessanten”. Das Vernommene ist normativ wie deskriptiv adäquat. Weil das so selten ist, sind wir zumeist unbefriedigt.

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Thema: aesthetics | Kommentare (1)