Abstrakte Rede

Wenn nicht gerade Bildungskritik angesagt ist, geben sich ältere Leute mitunter bass erstaunt über das intellektuelle Repertoire der Jüngeren. Das rührt häufig daher, dass es insbesondere im Bereich der Informationstechnologie und der Betriebswirtschaft einen professionalisierten, mit Anglizismen und abstrakten Termen durchsetzten Redegebrauch gibt (Operatoren, Parameter, Klassen, Objekte, generische Typen, Index,…). Schon beim Ausdruck “Information” stellt sich erste Verstörung ein. Diese Verbalien werden sicherlich oft korrekt verwendet. Trotzdem stellt sich eine Merkwürdigkeit ein: man hat nicht wirklich den Eindruck, dass sich diese Rede natürlich in den üblichen Wortschaft und die Persönlichkeit einbettet; dazu ist die gesamte Lebensführung mitsamt der einhergenden Urteilsmuster zu wenig “abstrakt” und sackt bisweilen sogar tief ins Infantile ab. Es ist komisch, einen logico-mathematisch unbefleckten Jungen ganz smart und lässig von Variablen sprechen zu hören. Das rüht daher, dass die Kontrastklassen der möglichen Bedeutungen dieses Ausdrucks ihm nicht präsent sind (der Ausdruck wurde z.B. selbst innerhalb der Mathematik unterschiedlich verstanden). Deshalb auch dieser Eindruck von imitierter Professionalität. Auch kann man sich nicht vorstellen, dass die nötigen Abstraktionsstufen vorher durchlaufen wurden; der Begriff der Variablen ist ein high-end Begriff und Tarski hat ihm trotz Einfachheit eine epochale Bedeutung zugestanden.
Die Rede wurde halt direkt erlernt. Und es ist ein Fehler, daraus zu schließen, dass der, der diese Stufe erklommen hat, auch den Weg dorthin verstanden hat. Beim Erlernen von Sprache rückt man einfach direkt in einen Gebrauchsbereich ein. Mehr nicht. Kein Grund für erhöhten Respekt. Die Aufgabe des Philosophen ist: die gesamte Rede zu homogeneisieren, explizit machen, die Verknüpfungswege zwischen diesen “Örtern” sichtbar machen, sodass nichts mehr in der Luft hängt. Ein topologisches System. Erst dann hätte man den berechtigten Eindruck, dass jemand die Sache als Persönlichkeit im Griff hat.

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Datum: Saturday, 3. November 2007 12:04
Themengebiet: analysis, knowledge, society, speech, systematics, words Trackback: Trackback-URL
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Ein Kommentar

  1. 1

    Pragmatismus, Problemlösungspotenzial sind recht nah dran an meinem persönlichen “finalen erotischen Befriedigungsimpuls” (s.o.): Nützlichkeit unserer Überzeugungen und sonst nichts.

    Kleiner brain teaser zu deinem Post ‘Abstrakte Rede’:

    Ist es überhaupt möglich, jemandem eine falsche Verwendung eines Begriffs vorzuwerfen, bzw äquivalent: gibt es die richtige Verwendung?

    Meine Antwort baut in drei Stufen aufeinander auf und sollte so den Ausstieg - bei anderer Ansicht - auf jeder Stufe erleichtern.

    1. Trennung der Begriffe ‘Wort’ und ‘Begriff’ (Vorsicht! Keine Selbstbezüglichkeit, ‘nur’ Meta-Falle): ‘Wort’ ist die Aneinanderreihung von Lauten (oder nach Belieben: von Buchstaben). ‘Begriff’ ist die Gesamtheit von nutzbringenden Überzeugungen, die wir mit Hilfe des ‘Wortes’ zum Ausdruck bringen. Warum also bei der Entstehung eines ‘Begriffs’ nicht den gleichen Pragmatismus bzw. das gleiche Problemlösungspotenzial am Werke sehen wie anderswo?

    2. Überzeugungen sind immer individuell. Damit sind nach 1. auch die Begriffe als Konzentrat unserer Überzeugungen notwendigerweise individuell geprägt.
    [Nebenbei bemerkt, um dem Zweifler den Ausstieg an dieser Stelle zu erleichtern: ich sehe keine Notwendigkeit, weitreichendere Konstruktionen als nützliche Überzeugungen, z.B. 'Wahrheit' oder 'eigentliche' Bedeutung eines Begriffs einzuführen. Eine wahre Aussage kann nutzbringend ;-) als Überzeugung angesehen werden, die sich die meisten oder alle Individuen zu eigen machen. Basta! Ebenso die 'eigentliche' Bedeutung eines Begriffs als diejenige, die die meisten oder alle Individuen unterschreiben würden. Einer esoterisch-religiös angehauchten Suche nach der 'reinen Wahrheit' (im Sinne von daran glauben) mag man als Freizeitbeschäftigung nachgehen oder nicht.]

    3. Es bleibt allein die Untersuchung, welchen persönlichen Begriff jemand durch die Verwendung eines bestimmten Wortes (oder einer Phrase) zum Ausdruck bringt und wie häufig dies in gleicher Weise beim Rest der Bevölkerung geschieht. Wenn sich jemand am Kopf kratzt und dies ernsthaft dadurch beschreibt, dass er sagt ‘Ich füttere meinen Hund.’, so verwendet er die Worte ‘füttern’ und ‘Hund’ nur insofern falsch, als er wahrscheinlich der einzige auf der Welt ist, der mit ihnen diese Begriffe (weit häufiger wohl durch die Worte ‘kratzen’ und ‘Kopf’ zum Ausdruck gebracht) verbindet. Nichts hält ihn jedoch prinzipiell davon ab, diese Worte bis zu seinem Lebensende konsistent auf diese Weise weiter zu verwenden (sofern er von einer Haustierhaltung absieht). Nonkonformismus ist bei weitem nicht so tragisch wie Inkonsistenz!

    Zurück zum Beispiel: der junge Programmierer bringt mit der Buchstabenfolge V-a-r-i-a-b-l-e zum Ausdruck, welches Hilfsmittel er in seinen Programmen nutzbringend zur Speicherung von Daten einsetzt. Sonst nichts. Gut so! Bei Tarski verbirgt sich hinter der gleichen Buchstabenfolge ein anderer Begriff. Obwohl Tarskis Überlegungen hierzu weit umfassender als die des jungen Programmierers waren, verblasst die Bedeutung seines Begriffs hinter der schlichteren, dafür im PC-Zeitalter unendlich bedeutsameren programmiertechnischen. Tarski müsste es sich deshalb heute vielleicht gefallen lassen, seinen Begriff zur Vermeidung von Verwechslungen durch die umständlichere Buchstabenfolge T-a-r-s-k-i-v-a-r-i-a-b-l-e zum Ausdruck zu bringen. Es spricht dann nichts mehr gegen die gleichzeitige Verwendung der Worte Variable und Tarskivariable, weil unterschiedliche Begriffe gemeint sind.

    Das topologische System des Philosophen muss sich daher auf die Verknüpfungslandschaft zwischen Begriffen, nicht Worten konzentrieren, wobei die größte Schwierigkeit im Vorschlag eines geeigneten Begriffssystems liegen dürfte, bei aller Verwechslungsgefahr und Mehrdeutigkeit, die sich wie beschrieben durch die zwangsläufige Verwendung von Worten dabei zunächst wieder ergibt.

    ‘Moral’: Wirf niemandem die falsche Verwendung von Worten vor. Versuche, die dahinter stehenden Begriffe zu erkennen. Meistens ergibt sich etwas gar nicht so Unkluges daraus.

    Beste Grüße.

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