Überzeugungen

Dieser Begriff kann zu Missverständnissen führen. Warum? Philosophen wie Davidson oder Brandom fassen etwas nur dann als Überzeugung auf, wenn der Träger auch den “Content” seines “belief” als möglicherweise falsch auffassen kann. Das realistische Moment ist in den Begriff eingebaut (dadurch kommt Wahrheit und Falschheit ins Spiel). Daran wird auch die Fähigkeit festgemacht, “thoughts” haben zu können. Kein realistisches Moment - kein thought.

Naturalisten definieren den Begriff anders: sie sehen darin lediglich eine Diskriminierungsfähigkeit (Unterscheidungen machen können), die der Träger “intern” als Disposition zur Verfügung hat.

Deshalb würden Davidson und Brandom sagen, dass ein Thermometer (das ist das übliche Beispiel) diskriminieren kann, wir ihm aber keinen Gedanken zuschreiben könnten, weil es nur reagiert. Das Konzept des Irrtums läuft ins Leere. Wir können nur metaphorisch sagen, das Thermometer irre sich.

Wenn nun gesagt wird: warum sollte ich dem Thermometer nicht “thoughts” zuschreiben, dann würde die Replik lauten: “Weil die Interpretation des Gesamtverhaltens dies nicht nahelegt”. Es reagiert nicht auf Beleidigungen, stößt selbst keine Handlungen an,…letztendlich das holistische Argument, denn Verhalten als Handlung zu beschreiben setzt ein ganzes Set von Begriffen wie “Absicht”, “Grund”, “Überzeugung” und dergleichen voraus.

Würde weiter insistiert, würden die Herren sagen: Nichts spricht dagegen, das Wort “Überzeugung” als Diskriminierungsfähigkeit zu definieren. Es ist nur nicht das Konzept, das wir in Anschlag bringen, wenn wir Handlungen aufbrechen. Handlungen sind eine Teilmenge von Verhalten. Verhalten ist eine Teilmenge von Bewegung. Damit wechselst Du das Thema.

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Datum: Thursday, 27. March 2008 12:43
Themengebiet: concepts&models Trackback: Trackback-URL
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6 Kommentare

  1. 1

    Falsch. Welcher Naturalist verwechselt Überzeugung mit Diskriminierungsfähigkeit? Bei der Überzeugung wurden die diskrimierten Objekte schon auf potentiellen Nutzen abgeklopft.

    Welcher Nicht-Geisteskranke schreibt denn einem Thermometer Gedanken zu? Was soll das?

    Man mag vielleicht als Panpsychist einem Thermometer eine “Innenperspektive” zuschreiben, weil ich gezwungen bin, das auch bei dem Klumpen Materie in meinem Kopf zu machen. Das hat aber nichts mit “Thermometer-Gedanken”, nicht einmal “Thermometer-Bewusstsein” zu tun. Viel zu primitive Organisation.

    Beste Grüße!

  2. 2

    1) Genau lesen. Ich habe nicht geschrieben, hier würde etwas verwechselt. Ich habe geschrieben, dass die Begriffe definitorisch anders eingeführt werden.

    2) Die Frage ist nicht, ob das jemand tut (Thermometern Gedanken zuschreiben), sondern ob es Sinn machen würde.

    3) Ich unterscheide hier streng Lern- und Verwendungszusammenhänge. Schreibe ich über Pragmatismus und kluges Agieren, dann sind das zumeist Nutzenmaximen (Verwendung, Gebrauch). In Lernzusammenhängen ist es aber absurd anzunehmen, ein kleines Kind würde seine Unterscheidungen unter dem Begleitservice von Nutzenkalkülen durchführen. Manchmal vielleicht schon. Aber wir haben keine faktische Nutzenüberlegung am Laufen, wenn wir als kleine Kinder Bierflaschen von Milchflaschen zu unterscheiden lernen. Das nehmen wir mehr oder weniger hin.

    Wo kommt denn eigentlich der “Content” der Überzeugungen bei Dir her? Auf Nutzen zu verweisen ist ja leer. Und sehr häufig (z.B. in der Schule) lernen wir Unterscheidungen kennen, für die wir uns zunächst gar keine Nutzenverwendung vorstellen. Das kommt vielleicht nachher.

  3. 3

    Kann leider nicht viel mehr sagen, als dass der Content darin besteht, ob’s (empirisch) was bringt oder nicht, kurz gesagt. Ist simpel, aber doch nicht leer?

    Ist ja gerade der Punkt: Diskriminierung ohne Nutzenabwägung ergibt noch keine Überzeugung (außer vielleicht, dass da “was im Schulbuch steht”).

  4. 4

    Da liegt womöglich ein beiderseitiges Missverständnis vor, das mit der zeitlichen Abfolge zu tun hat. Es ist ein Unterschied, ob man sagt, die Überzeugung b e s t ü n d e aus der Nutzenüberlegung oder ob man sagt, dass man zunächst eine Überzeugung ausbildet und sie dann bezüglich ihrer Nützlichkeit bewertet. Das Letztere ist wohl plausibler. Das heißt aber auch, dass die Nutzenüberlegung nicht identisch mit der Überzeugungsbildung sein kann (Content), sondern sich auf sie nach deren Bildung als eine Art Bewertungsfunktion “bezieht”. Gäbe es den Content der Überzeugung (egal wie stark sie verankert ist) nicht schon, würde die kritische Funktion der Bewertung keinen Hebel vorfinden, an dem sie angreifen kann. Im Nachhinein kann man dann sagen, die ursprüngliche Überzeugung sei durch Nutzenüberlegungen “bereinigt” worden. Das heißt aber dann auch, dass Nutzenerwägungen eine etwas andere Rolle spielen. Sie konstituieren das Überzeugungsobjekt nicht, sondern regulieren es nur.

  5. 5

    Vorschlag für die Bewertungsfunktion:

    Wir scheinen uns im Alltag an Überzeugungen “entlanghangeln” zu können: Sind wir nach viel Beobachtens zur Überzeugung gekommen, dass Vorstellung A (die Tagesschau) in einem bestimmten Maß mit Vorstellung B (dem Wetter am Schluss) korreliert, so “antizipieren” wir bei Überzeugung A (da läuft die Tagesschau) in entsprechendem Maße Überzeugung B (bald kommt das Wetter).

    Die Antizipation funktioniert über mehrere Stufen: korreliert auch B mit C (nach dem Wetter kommt immer der Film), können wir bei Überzeugung A auch schon C antizipieren.

    Eine Überzeugung A wird nun in dem Maße bewertet, wie sie geeignet ist, nach einer Überzeugungskette A, B … X, Y, Z zu einer Überzeugung Z zu führen, die “physischen Qualen” (Hunger, Kälte, Überanstrengung, Schmerzen, Beischlafentzug etc.) entspricht. Deren Bewertung wird dabei als absolut (negativ) vorausgesetzt.

    Beste Grüße!

  6. 6

    Wer die Kette nicht hinbekommt, muss leiden. Wer sie nach mehreren Versuchen endlich hinbekommen hat, kann sagen “Darauf fall ich nicht mehr rein!”

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