Beitrags-Archiv für die Kategory 'analysis'
Mar
02
Sunday, 2. March 2008 10:15
Ich kenne zwei Typen professioneller Philosophen mit Bezug auf die Mentalität, mit der man treibt, was man treibt. Unterscheiden wir den integrativen und den dispositiven Typus. Der integrative Typus legt Wert darauf, sich eine Denkraum als Totalität zu erarbeiten und ihn nicht künstlich von der “Lebenswelt” fernzuhalten. Deshalb ist er darum bemüht, seine Überzeugungen und sein Denkverhalten systematisch unter pragmatischen Druck zu setzen. Er treibt Philosophie, um seine persönliche intellektuelle Klasse in der Weltorientierung zu erhöhen und ist beunruhigt, falsch liegen zu können und in praxi Denkfehler zu machen. Jeder mögliche Zusammenhang - ob das nun der Abschluss einer Versicherung oder eine avisierte Heirat ist, ist Probierstein. So kann es nicht zu plötzlichen Niveauabfällen kommen - wie oft zu beobachten. Der dispositive Typ distanziert sich von seinen Forschungsergebnissen innerlich, stellt sie der scientific community professionell als “Beitrag” zur Verfügung und rückt in ein Produktionskontinuum ein. Dieser dispositive Typus ist ständig in der Gefahr, seine Thesen pragmatisch unausgestestet zu lassen und ein untertouriges Leben zu führen. So kann es leicht passieren, dass er (wie Dewey einmal bemerkte) an seiner eigenen Erkenntnistheorie vorbeilebt oder Zynismus gegenüber dem eigenen Forschungsschwerpunkt entwickelt (man erlebe mal einen “Hegelexperten” im angetrunkenen Zustand). Meines Erachtens muss Philosophie als Titel einer Gesamtbemühung verstanden werden, das eigene persönlich Niveau unter Aufbietung von Rationalitätsressourcen praktisch hochzuschrauben. Der gute Philosoph hat dann eo ipso das hochwertigere Begriffs- und Überzeugungssystem. Das Bild eines “braven” Philosophen ist eigentlich nicht hinnehmbar; er muss schon der Regisseur bleiben.
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Dec
02
Sunday, 2. December 2007 16:23
An die exoterischen Arbeiten von Wilhelm Schmid und anderen anschließend scheint es derzeit eine Hinwendung "professioneller" Philosophen zu den einfachen Themen der Lebensgestaltung zu geben (das “gute Leben”). Das ist zu begrüßen. Vor allem der Sorgebegriff scheint an zentraler Stelle wieder (Heidegger,…) in Abwandlungsformen aufzutauchen. Vor allem sollte man sein Augenmerk darauf richten, ob da wirklich Aussagen kommen, die die Scylla der Falschheit und die Charybdis des Gemeinplatzes unter Bedingungen kompromisslosen und zeitgemäßen Philosophierens meistern können. Kompromisslos ist es nur dann, wenn nicht auf soziale Korrektheit geschielt wird. Zeitgemäß nur dann, wenn man nicht nicht den Eindruck hat, die Texte könnten auch aus den vergangenen Jahrhunderten stammen. Komisch ist auf jeden Fall die Notdurft, ein Problem aufzugreifen und dabei zu glauben, man müsse Platoninterpretationen vorschalten. Ethische Einsprengsel, die eher eine indirekte und nichtrepräsentative Beschreibung eines unerotischen Gelehrtendaseins an einem deutschen Institut darstellen möchte ja auch niemand lesen. Interessant wird auch zu beobachten sein, inwiefern bestimmte Herren geradezu automatistisch bis zwanghaft Ethikbegriffe mit ins Spiel bringen glauben zu müssen. Sich dem zu sehr zu nähern kann dumm ausgehen: man könnte in unmittelbarer Nähe der Theologen stranden - was peinlich wäre.
Und was schießlich die Desiderate der Theoriebildung anbelangt, so wissen wir ja: je häufiger ein Theoretiker in Bezug auf Zwecke und Mittel der Weltorientierung (die Hauptstellschrauben der praktischen Philosphie) sagen muss, “das müsse jeder für sich entscheiden”, desto stärker schwindet die normative Kraft seiner Aussagen dahin und gerinnt zu einem großzügigen Formalismus. Auf die Gefahr angesprochen, man würde evtl. für die Wüste produzieren (wie das Lyotard mal genannt hat), wird man dann hören: “Ich wollte ja nur zum Denken anregen”.
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Nov
23
Friday, 23. November 2007 9:24
Intentionen sieht man selten - wenn überhaupt - direkt ein. Deshalb erscheinen moralisch und geschäftlich motivierte Handlungen häufig als ununterscheidbar. Dem Kaufmann ist es ja stets möglich, vom Selbstverständnis “Kaufviehhirte” in Richtung “wohltätiger Bedürfniserfüllungsgehilfe” zu switchen, ohne daß man ihn an der Handlungsoberfläche stellen könnte. “Dumme” Bedürfnisse gibts für den reinrassigen Geschäftsmann ja gar nicht. Auch sehen wir wieder eine Struktur, bei der es einen definitorischen Unterschied zwischen Handlungsstrukturen gibt (Kant: die Absicht muß gut sein für moralisch korrektes Verhalten), bei denen der begriffliche Zusatz (gute Absicht) unseren unmittelbaren Detektionsmöglichkeiten unangenehm vorauseilt. Interpretation und Ermittlung muß investiert werden, um es herauszubekommen. Das kostet Energie und Zeit. Meist zu viel.
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Thema: analysis, economics |
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Nov
03
Saturday, 3. November 2007 12:04
Wenn nicht gerade Bildungskritik angesagt ist, geben sich ältere Leute mitunter bass erstaunt über das intellektuelle Repertoire der Jüngeren. Das rührt häufig daher, dass es insbesondere im Bereich der Informationstechnologie und der Betriebswirtschaft einen professionalisierten, mit Anglizismen und abstrakten Termen durchsetzten Redegebrauch gibt (Operatoren, Parameter, Klassen, Objekte, generische Typen, Index,…). Schon beim Ausdruck “Information” stellt sich erste Verstörung ein. Diese Verbalien werden sicherlich oft korrekt verwendet. Trotzdem stellt sich eine Merkwürdigkeit ein: man hat nicht wirklich den Eindruck, dass sich diese Rede natürlich in den üblichen Wortschaft und die Persönlichkeit einbettet; dazu ist die gesamte Lebensführung mitsamt der einhergenden Urteilsmuster zu wenig “abstrakt” und sackt bisweilen sogar tief ins Infantile ab. Es ist komisch, einen logico-mathematisch unbefleckten Jungen ganz smart und lässig von Variablen sprechen zu hören. Das rüht daher, dass die Kontrastklassen der möglichen Bedeutungen dieses Ausdrucks ihm nicht präsent sind (der Ausdruck wurde z.B. selbst innerhalb der Mathematik unterschiedlich verstanden). Deshalb auch dieser Eindruck von imitierter Professionalität. Auch kann man sich nicht vorstellen, dass die nötigen Abstraktionsstufen vorher durchlaufen wurden; der Begriff der Variablen ist ein high-end Begriff und Tarski hat ihm trotz Einfachheit eine epochale Bedeutung zugestanden.
Die Rede wurde halt direkt erlernt. Und es ist ein Fehler, daraus zu schließen, dass der, der diese Stufe erklommen hat, auch den Weg dorthin verstanden hat. Beim Erlernen von Sprache rückt man einfach direkt in einen Gebrauchsbereich ein. Mehr nicht. Kein Grund für erhöhten Respekt. Die Aufgabe des Philosophen ist: die gesamte Rede zu homogeneisieren, explizit machen, die Verknüpfungswege zwischen diesen “Örtern” sichtbar machen, sodass nichts mehr in der Luft hängt. Ein topologisches System. Erst dann hätte man den berechtigten Eindruck, dass jemand die Sache als Persönlichkeit im Griff hat.
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Thema: analysis, knowledge, society, speech, systematics, words |
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Nov
03
Saturday, 3. November 2007 10:45
Rede über Fiktionales und Rede über Tatsächliches unterscheiden sich auf der Verstehensebene in nichts. Insofern der Ausdruck “Yeti” begrifflich eingegrenzt ist, ist uns der Satz “Yetis sind Säugetiere” und “Wale sind Säugetiere” gleichermaßen verständlich. Die Verpackung der Yetis (unter Annahme ihrer Nichtexistenz) in einen eigens dafür eingerichteten Diskurs, den man “fiktional” nennt entspringt wieder einem ex-post Verfahren, bei dem man das Wissen nach Prüfung in die Semantik der Sätze einliest. Einer der Gründe, weshalb man besser Pragmatiker ist und sich immer die ex-ante Situation vorstellt. Freilich entlastet dieses Einsicht den Literaten nicht.
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Thema: analysis, inquiry, speech, truth, words |
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Oct
21
Sunday, 21. October 2007 18:46
Zur Exekution rationalen Verhaltens gehört auch die Verdeckung (Kapselung) dieser Disposition im sozialen Raum (”Verkauf”). Es wäre ja merkwürdig, wenn es gleichsam als Hobby betrieben würde und nicht bis zur Performance hinreichte; denn es ist ja immer klug, sich als “irgendwie” darzustellen (und man stellt sich immer in einem bestimmten Modus vor). Im Umkehrschluss heißt dies: wer Ratschläge gibt oder lehrt, expliziert seine tatsächlichen Überzeugungen, Prinzipien und Wünsche, wenn er selbst nicht danach handelt. Es ist dann nur eine Frage des Nachforschens und Schließens, wie seine “Topologie” beschaffen ist. Es kommt zu einem Bruch im Rationalitätsmuster. Insofern ist jede Handlungssituation “full-blooded”.
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Thema: analysis, ecosophia, inquiry, motives, society |
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Oct
20
Saturday, 20. October 2007 0:41
Auch wenn man vom undifferenzierten einstelligen Prädikat “x ist cool” - angewendet auf Personen - absieht (im Sinne von “gefällt mir”, “finde ich gut”), so bleibt ein heute doch recht verdrehter Sprachgebrauch übrig. So ernten Personen häufig dies Attribut, obwohl sie als angebliche Träger der Coolness stark abhängig von sozialer Anerkennung sind. Cool zu sein heißt notwendig, unabhängig und souverän zu sein gegenüber sozialer Anerkennung, gepaart mit ständig mitlaufender Restdistanz und der Verfolgung eines konsequenten, begründbaren Lebensstil mit liderlich-ironischem Einschlag. Es ist genau das, was uns an bestimmten Filmfiguren als “cool” ins Auge sticht.
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Thema: analysis |
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Oct
07
Sunday, 7. October 2007 18:37
Immer wieder beliebt: Entwicklungstheorien der Persönlichkeit mit “Reifestadien”, z.B. von Morris. By the way: Das telos der Persönlichkeitsbildung stellt dann zumeist eine moralische Kategorie in den Raum, so als ob man nicht vernünftigerweise unversöhnlich enden könnte.
Man geht bei dieser Stadientheorie dabei davon aus, dass sich die Einschätzung der eigenen Persönlichkeit ähnlich einer Waage zwischen Eigenzuschreibung (ich urteile über mich) und Fremdzuschreibung (andere urteilen über mich) austariert - so soll sich dann Persönlichkeit “herauskristallisieren”. Kritisch gemeint kann dieser Persönlichkeitsbegriff nicht sein, denn dann ist jeder eine.
Nur eines dürfte klar sein: Es gibt keinen Grund, weshalb eine Person sich “systematisch” verfehlen müsste - im Sinne eines blinden Flecks sozusagen, den man evtl. versucht, hochhackig mit Gödel oder Tarski zu rechtfertigen. Es spricht nichts Grundsätzliches dagegen, dass man in Eigenzuschreibung jede Menge zutreffende Aussagen über sich selbst formuliert - und andere falsch liegen. Dem kommt man schon gar nicht bei, indem man dem Akteur einfach “Eigenwilligkeit” oder “Eigensinnigkeit” attestiert. Außerdem gibt es den Fall, dass andere “absichtlich” falsch urteilen, um taktische Ziele zu erreichen (z.B. um einem eine Dienstleistung aufschwatzen).
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Thema: analysis, beliefs |
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Oct
07
Sunday, 7. October 2007 18:13
Nicht zum ersten Mal habe ich vor kurzem einen Lehrer sagen hören, die Philosophen hätten versucht, “die Welt zu erklären”. Ich weiß nicht, was damit gemeint sein könnte - ein Formeltyp, wie er in seiner Machart oft in Künstlerkreisen verwendet wird. Da Leute, die so etwas sagen, wohl selbst nicht wissen, was sie mit dieser Phrase meinen, fällt es ihnen demnach auch nicht schwer, sie zu brüskieren.
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Thema: analysis, motives, reasoning |
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Sep
15
Saturday, 15. September 2007 19:09
Immer wieder trifft man das Missverständnis an, dass logische Sachverhalte auf bestimmte Gegenstandsgebiete bezogen werden, z.B. auf die Mathematik (”dort gehts logisch zu”). Die Leute sprechen dann so, als ob die Logik dort hingehöre. Das legt dann nahe, zu denken, in anderen Bereichen gehe es “unlogisch”, “alogisch” oder “nicht so logisch” zu. Ganz beliebt: das Gefühlsleben. Es wurde aber von führenden Logikern immer betont, dass die Logik “topic neutral” ist (so Ryles Worte). Deswegen überführt man ja auch Kandidaten für gültige logische Folgerungen in eine Sprache mit formalen Variablen, Konstanten, Konnektoren usw.. (man “deinterpretiert” in Quines Worten und lagert den Gegenstandsbereich künstlich aus). Ist ein derartiges Schema gültig, dann ist es egal, ob über Gefühle, Krampfadern oder Renditen gesprochen wird, insoweit die gleichen schematischen Ausdrücke durch die die gleichen Korrelate ersetzt werden. Wenn, dann durchzieht “das Logische” unserem gesamten Denkraum und besetzt nicht etwa eine Schamecke.
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Thema: analysis, reasoning, words |
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