Beitrags-Archiv für die Kategory 'knowledge'
Apr
01
Tuesday, 1. April 2008 21:50
Die sogenannten Gettier-Fälle in der Erkenntnistheorie, insofern sie von Gettier selbst ersonnen wurden, wirken etwas streitbar und konstruiert. Dennoch gibt es weniger undurchsichtige Fälle. Einer stammt von Gilbert Harman (aus “thought”):
“A political leader is assassinated. His associates, fearing a coup, decide to pretend that the bullet hit someone else. On nationwide television they announce that an assassination attempt has failed to kill the leader but has killed a secret service man by mistake. However, before the announcement is made, an enterprising reporter on the scene telephones the real story to his newspaper, which has included the story in its final edition. Jill buys a copy of that paper and reads the story of the assassination. What she reads is true and so are her assumptions about how the story came to be in the newspaper. The reporter, whose by-line appears, saw the assassination and dictated his report, which is now printed as he dictated it. Jill has justified true belief and, it would seem, all her intermediate conclusions are true. But she does not know…”
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Mar
26
Wednesday, 26. March 2008 12:36
Ein harter Pragmatiker muss bei Fragen des Wissenserwerbs eigentlich so vorgehen: Wenn ihm jemand Wissen anbietet, dann fragt er sich: “Welches Inkrement an Wissen erhalte ich dadurch, um mich gemäß meiner Ziele zu orientieren? Und leistet dieses Inkrement dahingehend etwas, an die nächste Aufgabe sinnvoller heranzugehen?” Wenn es keine Differenz macht, ist fraglich, was die Sache ihm bringen soll. Klassische, oft eingeforderte Bildungsgüter werden es da schwer haben, weil nicht ohne weiteres ersichtlich ist, weshalb man über Bismarck oder Goethe Bescheid wissen sollte. Denn das hieße, sich auf Verdacht zu bilden und mit Unwahrscheinlichkeiten zu rechnen.
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Mar
22
Saturday, 22. March 2008 16:03
Wenn - wie beim religiösen Glauben und der göttlichen Existenzfrage - gar keine Aussagen möglich sind, dann macht es auch wenig Sinn, sich in der Rolle des Atheisten als Gegenspieler des Theisten argumentativ aufzustellen. Agnostizismus ist die gesündere Position, weil man sich erst gar nicht aufs Spielfeld begibt, das sich die anderen beiden teilen.
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Mar
13
Thursday, 13. March 2008 3:14
Unter sogenannten Gebildeten taucht immer mal wieder die Story von den “drei Demütigungen” des menschlichen Geschlechts auf: Kopernikus habe gezeigt, dass “wir” nicht das Zentrum des Universums sind, Darwin habe gezeigt, dass “wir” lediglich ein kontingentes Produkt einer evolutionären Verlaufsgeschichte seien (nicht deren Krone) und Freud habe gezeigt, dass “wir” nicht Chef unseres personalen Haushalts seien (sondern nur die Spitze/Funktion eines unter der Oberfläche arbeitenden Unterbewußten). Merkwürdig: ich habe noch nie jemanden getroffen, der ob solcher Einsichten gedemütigt gewesen wäre. Auch kann man den Anspruch auf persönliche Souveränität aufgrund solcher Weisheiten auch nie suspendieren - wie sollte das auch aussehen? Sich als Treibholz auffassen? Henrich schreibt dazu: “Ein Leben zu führen heißt anderes, als ein Leben zu haben, das sich als Geschehen vollzieht. Es heißt, von diesem Leben und von dem, was es angeht, zu wissen und aus diesem Wissen heraus einen Gang für es auszulegen oder zumindest doch in den Gang, in dem es gehalten ist, überlegt einzugreifen.”
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Mar
11
Tuesday, 11. March 2008 20:00
Eine Lieblingswendung unserer Freunde von der Betriebswirtschaft, insbesondere des Wissensmanagements: “Wissen generieren”. Klingt wie “Milchpulver herstellen”. Gibt es irgendeine nichttriviale Deutung, die diese Redeweise nicht albern wirken lässt?
Das Merkwürdige bis Ironische ist, dass die Wissenschaft sich dadurch aufgewertet glaubt, weil sie sich als den Ort kontrollierter Wissensbildung dünkt. Dabei kollidieren aber die Mentalitäten, denn ich kenne keinen Forscher, der so reden würde. Falls Wissen in verlässlicher Form zustandekommt, wird der Forscher eher von einem “Abringen” sprechen wollen und angesichts notorischer Falsifierungsmöglichkeiten vorsichtige Dinge von sich geben.
Komisch wirkt die Redeweise auch, weil heute immer mehr Leute dem Wahrheitsbegriff abschwören und dadurch auch dem Wissensbegriff abschwören müssen, weil Wahrheit für gewöhnlich als eminenter begrifflicher Bestandteil des Wissensbegriffs aufgefasst wird. Die “Generation von Wissen” läuft auch den sichtbaren Tendenzen in Richtung Esoterik und Wissenschaftsskepsis entgegen, die im traditionellen Forschen keinen Anhalt mehr finden.
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Thema: economics, knowledge, speech |
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Mar
02
Sunday, 2. March 2008 9:47
Die Frage, ob es synthetische Aussagen a priori geben kann strahlt direkt in die Existenzberechtigung der Philosophie als Beruf aus. Deswegen sind Professoren der Philosophie von dieser zunächst hochtheoretisch erscheinenden Frage persönlich beunruhigt. Sollte nämlich nachgewiesen werden können, dass die sogenannte philosophische Tätigkeit auf eine Erläuterungstätigkeit und keine Forschungsaktivität hinausläuft und ansonsten den Sprachgebrauch unberührt lässt, dann sinkt die Profession zum abdingbaren Explizieren für Begriffsstutzige herab (man sagt dann dem Schüler im Brustton des Ryleschen Kategorienfehlers, er möge “die Universität” nicht mit den “Zimmern der Universität” verwechseln). Dem privatimen Philosophen macht das alles nichts - denn seine Existenz hängt nicht daran. Er könnte locker auf den Forschungsanspruch verzichten. Dennoch siehts momentan gar nicht so schlecht aus: Prinzipen wie das “principle of charity” sind synthetische Sätze a priori; Behauptungen wie die, dass wissenschaftliche Aussagen grundsätzlich falsifizierbar sein müssen, wohl auch.
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Thema: knowledge, society |
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Dec
28
Friday, 28. December 2007 12:04
Man kann konfus sein, ohne konfus zu sein. Philosophen verwenden den Ausdruck “konfus” im Sinne von Vermengung (confundere). Es wird eine Differenzierung “übersehen”, die zu falschem/inkorrektem Gedankengut in der Folge führt. Im Alltag denotiert man damit aber einen Geisteszustand, insofern er (in Leibnizs Terminologie “verworren” ist. Jemand kann aber eine Differenzierungsleistung verfehlen, ohne verworren zu sein. So könnte jemand bei einer Weinprobe zwei sehr ähnlich schmeckende Rotweine nicht “auseinanderhalten” können (vermengen), ohne dass er geistig in Richtung Verworrenheit entgleist. Oder jemand könnte zu grobkörnige Unterscheidungen eines Fachbuchs rational übernehmen, ohne auch nur verwirrt zu sein. Ein Grund mehr, das Psychologische vom Sachlichen zu trennen.
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Thema: beliefs, knowledge, reasoning |
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Dec
26
Wednesday, 26. December 2007 14:32
Moralische Normen kann man grundsätzlich nicht lernen. Dazu vergleiche man folgende Fälle: ein Kind kommt nach Hause und wird von der (ehrgeizigen) Mutter gefragt, was es denn heute gelernt habe. Wenn es antwortet: “den Dreisatz” oder “einiges über den Dreißigjährigen Krieg” oder “den Aufbau der Doppelhelix”, dann ist semantisch alles in Ordnung. Was aber, wenn es sagte: “dass man nicht schlagen darf”. Diese Rede ist sinnlosigkeitsverdächtig, weil man sich Normen nur im Lichte von möglichen Sanktionen - der Klugheit wegen - zu eigen machen kann, nicht aber “lernen”. Lehrer gewisser Fächer verstehen da häufig ihre eigene Tätigkeit nicht. Religion kann man nur empirisch unterrichten, indem man die Glaubenswelt von Personen skizziert. Wenn die Mutter hier nicht ironisch reagiert, dann ist sie ebenfalls konfus, obgleich sie sicherlich zufrieden ist. Man kann auch aus den falschen Gründen zufrieden sein.
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Thema: knowledge |
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Nov
19
Monday, 19. November 2007 12:01
Viele kulturelle Praktiken sind heute auf offene Enden umgestellt worden - ein verändertes Zeitverständnis hat sich breit gemacht. Musikstücke werden ausgeblendet (…und so weiter), Filme und Bücher verweisen auf ein offene Zukunft. Auch in Lernzusammenhängen ist das so, wenn auf "lebenslanges Lernen" gedrängt wird. Man stirbt heute mit dem Bewußtsein, evtl. doof zu sein. Die aristotelische Abschlussform, die auf eine intellektuelle Endbefriedigung als telos hinausläuft wird auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben - ein "perennierendes Sollen" hätte Hegel wahrscheinlich gesagt. So kommt es auch, dass Figuren vom Typ Sepp Herberger im Vorteil sind, denen der finale erotische Befriedigungsimpuls sowieso abgeht und denen es liegt, zu sagen, "nach dem Spiel sei vor dem Spiel" und der Kampf sei schließlich Lebensinhalt eo ipso. Es ist auch die Zeit derjenigen, die Versagen über ein "nicht genugt gearbeitet und es sich verdient haben" schieben können und gar nicht auf die Idee kommen, es könnte ihnen an Talent ermangeln. Auch da ist es wieder wie im Fußball: der Rasen brannte nicht; man ging zu wenig in die Zweikämpfe. Wenig ersprießlich.
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Thema: knowledge, society |
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Nov
03
Saturday, 3. November 2007 12:04
Wenn nicht gerade Bildungskritik angesagt ist, geben sich ältere Leute mitunter bass erstaunt über das intellektuelle Repertoire der Jüngeren. Das rührt häufig daher, dass es insbesondere im Bereich der Informationstechnologie und der Betriebswirtschaft einen professionalisierten, mit Anglizismen und abstrakten Termen durchsetzten Redegebrauch gibt (Operatoren, Parameter, Klassen, Objekte, generische Typen, Index,…). Schon beim Ausdruck “Information” stellt sich erste Verstörung ein. Diese Verbalien werden sicherlich oft korrekt verwendet. Trotzdem stellt sich eine Merkwürdigkeit ein: man hat nicht wirklich den Eindruck, dass sich diese Rede natürlich in den üblichen Wortschaft und die Persönlichkeit einbettet; dazu ist die gesamte Lebensführung mitsamt der einhergenden Urteilsmuster zu wenig “abstrakt” und sackt bisweilen sogar tief ins Infantile ab. Es ist komisch, einen logico-mathematisch unbefleckten Jungen ganz smart und lässig von Variablen sprechen zu hören. Das rüht daher, dass die Kontrastklassen der möglichen Bedeutungen dieses Ausdrucks ihm nicht präsent sind (der Ausdruck wurde z.B. selbst innerhalb der Mathematik unterschiedlich verstanden). Deshalb auch dieser Eindruck von imitierter Professionalität. Auch kann man sich nicht vorstellen, dass die nötigen Abstraktionsstufen vorher durchlaufen wurden; der Begriff der Variablen ist ein high-end Begriff und Tarski hat ihm trotz Einfachheit eine epochale Bedeutung zugestanden.
Die Rede wurde halt direkt erlernt. Und es ist ein Fehler, daraus zu schließen, dass der, der diese Stufe erklommen hat, auch den Weg dorthin verstanden hat. Beim Erlernen von Sprache rückt man einfach direkt in einen Gebrauchsbereich ein. Mehr nicht. Kein Grund für erhöhten Respekt. Die Aufgabe des Philosophen ist: die gesamte Rede zu homogeneisieren, explizit machen, die Verknüpfungswege zwischen diesen “Örtern” sichtbar machen, sodass nichts mehr in der Luft hängt. Ein topologisches System. Erst dann hätte man den berechtigten Eindruck, dass jemand die Sache als Persönlichkeit im Griff hat.
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Thema: analysis, knowledge, society, speech, systematics, words |
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