Definitionsprobleme
Immer mal wieder bekommt man von Personen zu hören, bestimmte Wörter ließen sich nicht definieren. Ganz beliebt: Kunst, Liebe. Wird manchmal so gebraucht, um sich beim weiblichen Geschlecht einzuschmeicheln, das häufig das “ailleurs” (Mme Bovary) schätzt. Dabei kann es prinzipielle Definitionsprobleme gar nicht geben. Definitionen sind einfach nur Festlegungen des Wortgebrauchs und haben nicht die aristotelische Funktion, das “Wesen der Sache” anzugeben. Definitionen sollten adäquat sein (nicht: zutreffend) im Sinne einer Arbeitsdefinition. Werden mehrere Definitionen gemacht, wird mit Fallunterscheidungen gearbeitet, indem man sagt: “Gemäß Deiner Definition ist das ein y”, “gemäß der Definition von Herrn Müller ist es kein y”. Es sind tragende Elemente eines Gedankenzusammenhangs. Und ob sie in der Gesamtheit tragen ist entscheidend, nicht ob sie zutreffen.
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Friday, 22. June 2007 21:03
Da haben Sie, analytisch gesehen, natürlich völlig recht; ironisch nur ein wenig.
Vielleicht könnte man auch sagen, dass sich für Kunst oder Liebe mehr, auch gegensätzliche, Definitionen finden lassen als zum Beispiel für Straßenkehren oder Verkaufen.
Oder gibt es da analytisch gesehen keinen Unterschied? So dass sich denn diese Begriffe problemlos gleichsetzen lassen. Das Gleichsetzen ist also kein analytisches Problem?
Ist es überhaupt ein Problem? Wenn es sogar pragmatisch betrachtet völlig unbedeutend ist?
Wednesday, 27. June 2007 23:20
Hallo Herr Jochimsen!
Danke für den Kommentar.
Inwiefern kann man “ironisch” Recht haben? Philosophisch gesehen gibt es nur buchstäbliche Wahrheiten, so humorlos das wirken mag. Es ist der Sektor des Farbebekennens. Und Ironie ist kein direktes, sondern ein Distanzierungs- oder eine humoristisch gebrochenes Selbstentlastungsverfahren.
Ich gehe davon aus, daß man Ausdrücke definiert, nicht Dinge (man kann “Liebe” definieren, nicht aber Liebe). Es sind Reglementierungsangebote für verbalen Austausch, um einen Ausdruck durch einen anderen immer ersetzen zu können (Quine: “to define an expression is how to get along without it”)und sicherzustellen, daß man nicht aneinander vorbeiredet.
Ein Definitionsempfehler A kann eigentlich nichts falsch machen, wenn er einen Ausdruck derart einführt und ihn dann folgerichtig beibehält. So könnte er ohne Probleme den Ausdruck “Straßenkehrer” durch “Leute, die anderen die Haare schneiden” ersetzen. Er muß nur auf die Konsistenz seiner ganzen Redestruktur achten. Der andere merkt dann schnell, daß er dies Wort dort verwendet, wo er selbst das Wort “Friseur” verwenden würde. Der Empfänger des Definitionsangebots kann den Fehler machen, daß er sich nicht auf den empfohlenen Gebrauch einstellt und darauf beharrt, Straßenkehrer seien nun einmal keine Friseure. Er klebt dann an der Sprache fest. Letztenendes kommt es nur darauf an, verstanden zu werden und nicht darauf, dieselben Wörter zu verwenden. Das scheint mir eine der Konsequenzen der Arbeiten Donald Davidsons zu sein: das Übersetzungsmanual muß einfach nur passen. Der eine redet bei gleicher Temperatur von Grad Celsius, der andere von Fahrenheit. Es passiert nichts, wenn die Werte unterschiedliche sind, weil die positive Konstante schnell in die Übersetzung eingebaut wird. Das ist Arbeit - eine analytische Hypothese (wie Quine das nennt).
Schöne Grüße
Klaus Hekenberger
Saturday, 30. June 2007 14:08
Hallo Herr Hekenberger,
was den regelrechten logischen Definitionsvorgang und das daraus resultierende Einander-Verstehen anbetrifft, stimme ich völlig mit Ihnen überein.
Und doch denke ich, dass Sie meine Fragen nicht beantwortet haben, dass Sie vielmehr Wirklichkeit ausgrenzen, vielleicht um sich die Betrachtung zu erleichtern. Oder Sie haben ungenau formuliert.
“Philosophisch gibt es nur buchstäbliche Wahrheiten” … Verstehe ich nicht. Sind also Humor allgemein und Ironie insbesondere keine philosophisch interessanten und relevanten Ausdrucksformen? Die Philosophie sollte sich nicht für Humor oder Ironie interessieren? Oder meinen Sie einfach nur, dass ironische Aussagen, da sich bei ihnen keine Eins-zu-eins-Entsprechung ermitteln lässt, UNWAHR sind.
Ihre Definition der Distanzierung und Selbstentlastung kann, auch philosophisch gesehen, als wertend bezeichnet werden, und ist sicherlich nicht die einzig mögliche.
Meiner Meinung lässt sich Wahrheit bei genauerer und umgreifender Betrachtung nicht festlegen, sondern man ist letztendlich zu einer Art Schwebezustand gezwungen. So dass Ironie - selbst ein Schwebezustand - oft genug der Wahrheit noch am nächsten kommt.
Aber noch einmal zurück zum Thema: Wie erklären Sie sich, philosophisch betrachtet, den blühenden Streit über Verkaufen = Kunst?
Den kann man doch nicht nur damit erklären, dass eine der Gruppen an der Sprache, an den eigenen Definitionen festkleben bleibt. Und wenn doch, warum?
Gruß
Günther Jochimsen
Saturday, 30. June 2007 14:33
Noch ein kurzer Nachschub.
“Ich gehe davon aus, daß man Ausdrücke definiert, nicht Dinge (man kann “Liebe” definieren, nicht aber Liebe). Es sind Reglementierungsangebote für verbalen Austausch, um einen Ausdruck durch einen anderen immer ersetzen zu können.”
Kann man Ausdrücke zureichend definieren, wenn man die Dinge, die sie bezeichnen, nicht kennt?
Saturday, 30. June 2007 20:11
Hallo Herr Jochimsen,
ich gebe Ihnen mal Antworten häppchenweise.
Ich denke, daß in einer bereinigten Form von Philosophie Ironie keine Rolle spielen kann. Man macht es sich selbst und den Interpreten nur unnötig schwer, wenn man diese Ausdrucksform benutzt, die in anderen Zusammenhängen ihren berechtigten Sitz im Leben hat. Ich denke nicht, daß man schwer zu tackelnde Fragestellungen noch zusätzlich mit indirektem, uneigentlichem Sprachgebrauch befrachten sollte. Bei Quine hat das hie und da zu Mißverständnissen geführt. Eine andere Frage ist, ob man Ironie als Ausdrucksform nicht als Objekt untersuchen kann. Das kann man. Ich unterscheide also zwischen Mittelgebrauch und Untersuchungsobjekt. Letzten Endes gibt es bei jeder Person zum Zeitpunkt t ein Bündel an Überzeugungen, die sie hat. Und die hat sie, ohne daß ironischer Gebrauch daran etwas ändern könnte.
Melde mich zu Ihren Fragen nocheinmal
Schöne Grüße
Klaus Hekenberger
Saturday, 30. June 2007 20:35
Hallo Herr Jochimsen,
Teil zwei.
Den von Ihnen beschriebenen Schwebezustand kann ich selbstverständlich nachvollziehen. Er ist uns allen eigen. Nur benötigt man dazu nicht Ironie, die eindeutig mehr ist als die Einklammerung eines Geltungsanspruchs. Ein Meteorologe, der eine Voraussage macht und mitdenkt, daß sie sich auch als falsch herausstellen kann ist nicht ironisch, sondern kritisch. Diese “epistemische Zurückhaltung” ist charakteristisch für den Hypothesencharakter vieler unserer Überzeugungen oder Handlungsentwürfe. Es ist aber keine gute Idee, aus der Fallibilität unserer Orientierungen ein dauerndes Vorbeischrammen zu machen. Denn oft liegen wir richtig - uns fehlen aber die Nachweismöglichkeiten. Dieses “gap” ist das Einfallstor für diejenigen, die gerne mit dem Wort “Vorurteil” auf Stimmenfang gehen oder den Wahrheitsbegriff fallen lassen wollen. In meinem Blog läuft Philosophie als Variante der Buchführung hinaus. Und Buchführung kann man nicht ironisch betreiben.
Schöne Grüße
Klaus Hekenberger
Saturday, 30. June 2007 21:15
Hallo Herr Hekenberger,
>>Kleiner Meta-Einschub: Ich frage mich, wie wir hier methodisch am besten vorgehen, ohne uns zu verzetteln. Langsam scheinen sich nämlich unsere deutlich verschiedenen Meinungen herauszukristallisieren, was eine Diskussion interessant machen könnte.
Die lockere Dialogform scheint mir trotzallem noch die beste Lösung. Deshalb warte ich nun nicht auf Ihre weiteren Antworten und nehme gleich Stellung zu Ihren letzten Thesen zum Thema Ironie.
Saturday, 30. June 2007 21:16
Also: Man kann sich darauf einigen bei der philosophischen Diskussion Ironie als Ausdrucksform zu vermeiden, der Klarheit wegen. Einverstanden.
Andererseits möchte ich mich nicht immer einschränken lassen und ein grundsätzliches Ironieverbot bei jeglichem philosophischen Gespräch befürworten. Ein solches Ironieverbot halte ich für reduzierendes Denken, halte ich für unphilosophisch. Philosophie darf nicht der Klarheit zuliebe irgendwo aufhören. Sie sollte vielmehr Unklarheit als Herausforderung betrachten und versuchen sich durch sie hindurch zu einer höheren Stufe von Klarheit zu ringen.
Die Trennung von Mittelgebrauch und Objekt ist selbstverständlich. Ich halte Ironie für ein wichtiges und interessantes philosophisches Untersuchungsobjekt.
“Letzten Endes gibt es bei jeder Person zum Zeitpunkt ein Bündel an Überzeugungen, die sie hat. Und die hat sie, ohne daß ironischer Gebrauch daran etwas ändern könnte.”
Das stimmt. Aber diese Überzeugungen sind nicht alle durchweg glasklar und deutlich. Viele befinden sich in der Schwebe. Also im ironischen Zustand. Folglich ist Ihre These vom ironielosen (reinen, ungebrochenen) philosophischen Vor-Zustand falsch. Ironie ist deshalb auch im philosophischen Gespräch, als Mittel, als Ausdrucksform dieser Überzeugungen unabdingbar.
Aber ich will meine Behauptung zur Frage umformen (der Schwebe wegen): Kann man philosophisch von “Überzeugungen” sprechen? Lässt philosophische Betrachtung überhaupt reine Überzeugungen zu?
Wenn ja, hätte ich gerne ein Beispiel. Mir fällt nämlich keines ein.
Besten Gruß
Günther Jochimsen
Saturday, 30. June 2007 21:24
Ihren Teil zwei hatte ich bei der Formulierung meiner Gedanken noch nicht gelesen. Daher die nun zum Teil redundante Erwiderung. ;o)
Sunday, 15. July 2007 14:51
Resümee: Unsere Definitionen von Philosophie gehen weit auseinander.
Sie beschränken sich weitgehend auf die Darstellung, Beschreibung des Werkzeugs und bieten den Service einer gebröckelten Gebrauchsanweisung. Das ganze nennen Sie “bereinigte Form der Philosophie” oder “Buchführung”.
Mein Philosophiebegriff geht weiter.
Überlegungen zur Methodik, zur Logik, Wort- und Sprachanalyse sind in der Philosophie notwendig, laufen gezwungenermaßen parallel; sie bringen aber keine essentiellen Erkenntnisse. Beschränkungen sind nützliche Denkhilfen, Hilfskonstrukte, so lange sie bewusst als solche verwendet werden. Wenn nicht, gehen Sie in Richtung Ideologie. Reine Philosophie schert sich in Ihrer Ausführung nicht um Reglementierungen, sondern erkundet, beschreibt, diskutiert, ermittelt, verwirft, bestreitet, analysiert, erfühlt … Regeln, Handlungen und Phänomene auf Ihren essentiellen Wert hin, immer zu.
Sunday, 15. July 2007 16:50
Hallo Herr Jochimsen,
schön von Ihnen zu hören. Bitte entschuldigen Sie, daß ich Ihnen zuletzt nicht geantwortet habe. Ich habe gerade sehr viel um die Ohren.
Es hängt nicht viel davon ab, wer die begriffliche Hoheit über den Ausdruck “Philosophie” innehat. Wenn ich z.B. einen Gedanken formuliere, der Hand und Fuß hat und dem Sie zustimmen, dann ändert sich an der Geltung des Beitrag nichts, wenn jemand sagt: “Das ist kein philosophischer Satz, sondern ein Satz der mathematischen Logik oder Physik”. Man kann das, was ich da tue auch als Ecosophy (von Economy) bezeichnen (siehe Kategorien). Das ist mir wurscht. Mir liegt an einem guten Begriffssystem und darin kann alles vorkommen, was normativ eine Rolle spielen kann (zum Beispiel auch elementare Mathematik wie Dreisatz, Prozentrechnen oder betriebswirtschaftliches Gedankengut wie Abschreibungen oder ein Schema der Boston Consulting Group). Ziel: in eine lehrbare Form bringen, die dem gängigen Schulunterricht überlegen ist. Ich kenne fast niemanden, der aus dem Stand heraus sagen kann, wann Differentialrechnung als Mittel zu Gebote steht.
“Gebröckelt” ist durchaus richtig. Vorläufig. Denn der systematische Charakter, der dahinter steht, ist momentan nur an bestimmten Stellen ablesbar. Wichtig für mich, weil es einmal ein Buch oder eine Geschäftsidee zur Folge haben kann.
Ich würde mich nicht darauf festlegen lassen, daß Philosophie allein Methode ist. Mir ist durchaus Russells Diktum präsent, es sei albern , ständig die Messer zu schleifen ohne jemals damit ein Brot aufzuschneiden. Das kann ich aber abfangen durch meinen pragmatischen Zug, denn Methoden sind Methoden für Probleme. Das ist subtil, denn z.B. der deutsche Idealismus hat immer mit einem Subjekt-Objekt-Schema anstatt eines Agent-Problem-Methoden-Schema gearbeitet. Auf der anderen Seite erfüllen meine Überlegungen durchaus Standards, wie sie z.B. von Henrich formuliert wurden. Bei Henrich: Formulierung von letzten, allgemeinsten Gedanken im Dienste gelungener Lebensführung unter modernen Bedingungen. Zu viel schaue ich dabei aber nicht auf Professoren, denn die sind in aller Regel marktblind. Marktaggressivität, Konkurrenz, Hauen und Stechen sowie das hobbesche Weltbild ist ihnen eher ein bisschen fremd.
Ideologisch sind meine Überlegungen sicherlich nicht, denn sie haben den Charakter von revisionsfähigen Empfehlungen. Mein Stil legt zugegebenermaßen eine gewisse Rechthaberei und eine apodiktische Lesart nahe. Das ist Absicht: den kompromißlosen Wittgenstein 1 fand ich schon immer sexy. Ich möchte auch zu bedenken geben, daß oft übersehen wird, daß es verlachte Leute wie Carnap waren, die heute lehrbares Material hinterlassen haben. Was kann man hingegen Verbindliches über Hegel sagen? Ich halte nichts davon, Philosphie als philosophia perennis aufzufassen und ihre Unabschließbarkeit in ihre Definition einzubauen. Auf dem Markt haben Philosophen einen katastrophalen Ruf, weil sie unverbindlich im Kommentarmodus verharren und glauben an die “menschliche Relativität” erinnern zu müssen. Bad problem-solvers.
Es mag sein, daß es keine essentiellen Erkenntnisse hier gibt. Ich weiß nur nicht, ob eingezogene Constraints (Negative) nicht auch Substanz besitzen. Man tut danach bestimmte Dinge nicht mehr, weil man etwas eingesehen hat.
Unsere Intelligenz liegt fast durchgängig in unseren Mitteln. Von Meßmethoden angefangen über Mathematik bis zur Programmierung von Software. Es ist der Adobe-Programmierer, der Bewunderung verdient, nicht der Photoshop-Anwender. Mit den Mitteln verdient man heute Geld.
Schöne Grüße
Klaus Hekenberger