Existentialismus
Wenn man versucht, Controlling-Mittel auf das gesamte eigene Leben zu beziehen, und nicht nur auf diese oder jene Episode oder lokale Entscheidungshandlung (”kauf ich den Fernseher oder nicht”), dann stößt man auf eine Merkwürdigkeit: es kann nur das herauskommen, was das Lebensgefühl eh vorgibt. Dazu stelle man sich jemanden vor, der den starken Eindruck hat, dass das Leben völlig belanglos und und von einer steten Unbehaglichkeit begleitet ist. Regelmäßig meldet sich das deutliche Bewußtsein, dass sich der Aufwand nicht rentiert und das Leben eigentlich nur ein verzweifeltes Investieren und Aufrechterhalten einer physischen und geistigen Struktur ist, die eh gegen Struktur-Auflösung tendiert (der Körper läßt nach, die geistige Spannkraft ebenfalls). Die ganze ästhetische Dimension muss ja im Lebensgang schrittweise entwertet werden - das Szenario, froh zu sein, zukünftig noch unfallfrei aus dem Bett zu kommen, steht vor Augen. Der Stolz auf den eigenen Körper muss regredieren, weshalb Kleidung mehr und mehr der Verdeckung denn der Exponierung dient. Das läßt sich durchaus auch vom Jetztstandpunkt extrapolieren. Dann käme jemand daher und forderte ihn auf, sein “Gefühl” doch einmal zu überprüfen und “hart zu kalkulieren”. Unser Probant würde sich dann hinsetzen und nach bestem Wissen und Gewissen seine Lebensbilanz + spekulativer Entwicklung mit Attributwerten und Gewichtungen versehen, Aufwand und Ertrag quantitativ gegenüberstellen. Die Merkwürdigkeit: es wäre doch seltsam, wenn er nach Rechnung plötzlich sagte: “Hoppla, es rentiert sich ja doch - da bin ich aber überrascht!”. Der Verdacht muss sich aufdrängen, zu wenig Attribute eingespeist oder falsch gewichtet zu haben. Hier kann es nur die Flucht in die Zukunft namens Hoffnung geben: es könnte ja zu Wendungen und Umstülpungen der Sichtweise kommen. Das ist vermutlich auch die “Weichstelle”, an der plötzlich spiritualistisches Gedankengut seine Chance zur Einwanderung bekommt.
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