Mitschwimmen

Von dem Aachener Philosophen Geert Keil stammt der Satz: »Aufgabe der Philosophie ist nicht, auf der sicheren Seite zu sein, sondern herauszufinden, wie es sich tatsächlich verhält«. So isses. Man könnte noch hinzufügen: Es ist auch nicht deren Aufgabe, sich gegen etwas zu stellen - das Leben “als anderer” oder das Leben in der Revolte (”Wehren” als Lebensform; man kennt das aus der Frankfurter oder Teilen der “Französischen” Schule). Dem liegt eine verquere Vorstellung vom “Kritischen” zugrunde. Philosophie - richtig verstanden - ist unterkühlt und unabhängig von Solidaritätsadressen jeder Couleur. Sich gemein machen gilt nicht. Eine Solidaritätsadresse wäre es im übrigen auch, sich im Kompromißraum der “Mitte” aufzustellen. Sondern: man stellt sich schlicht dorthin, wo es die Überlegung erfordert. Insofern ist Philosophie politikfrei und ohne Fraktionszwang. Das schließt nicht aus, daß man genau zu den Ergebnissen gelangt, die eine andere Gruppe vertritt. Ausgeschlossen ist aber, daß man zu bestimmten Resultaten kommt, um dabei zu sein. Vielmehr handelt es sich um ein zufälliges Zusammenfallen der Ansichten, die sich oft hinsichtlich der Begründungsart noch einmal unterscheiden. Alles andere ist tendenziös.
Keils Charakterisierung - so richtig sie ist - muß aber noch erweitert werden, weil sie sich nur auf Doxastik (”was ist der Fall”) und nicht auf die praktische Philosophie bezieht (”was ist zu tun”). Ein Philosoph, der letzteres nicht bedient, ist intellektuell halbseitig gelähmt. Damit ist nicht “Umsetzung” gemeint, sondern der geschickte Gebrauch von Hirn zu Handlungszwecken. Im praktischen Bereich kommen Urteilskraft, Klugheit, Intelligenz und Rationalität im allgemeinen ins Spiel (”welche Züge mache ich aus welchen Gründen unter welchen Umständen?”). Es kann nicht sein, daß - wie oft anzutreffen - Philosophen überlegte Maßnahmen zur Überzeugungsfestlegung (”fixation of belief”) ergreifen, aber schwach in praktischen Kalkülen sind. Das erfordert eine weit größere gedankliche Abgeschlossenheit (ich nenne das “intellectual closure”) als das bloße Wirken eines Wissenschaftlers, der sich dann von der Ehefrau/dem Ehemann/dem Lebensgefährten am Gängelband des Geschlechtstriebs führen oder sich vom Chef sagen läßt, wo im Leben “tatsächlich” oder “eigentlich” der Hammer hängt (z.B. auf dem “Markt”). Ein reines Erfüllungsgehilfendasein muß dem Selbstverständnis eines tauglichen Philosophen zuwiderlaufen, denn es geht um Deutungshoheit. Er übernimmt bisweilen, imitiert aber nie. Wo die Gebrauchsdimension (”das Pragmatische”) nicht ausgefüllt wird, bekommt man die üblichen gebildeten, belesenen Witzfiguren zu sehen, die so fürchterlich unzeitgemäß und unbeholfen wirken. Und reines Distanzboxen ohne Punch a la Henry Maske wirkt unsexy. In nuce: der Output sollte schon eine Form revisionsfähiger Persönlichkeit sein - eine notwendige Bedingung für beratende Tätigkeiten alle Art.

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Datum: Wednesday, 15. August 2007 12:20
Themengebiet: analysis, general Trackback: Trackback-URL
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