Existentialismus

Saturday, 29. December 2007 13:08

Wenn man versucht, Controlling-Mittel auf das gesamte eigene Leben zu beziehen, und nicht nur auf diese oder jene Episode oder lokale Entscheidungshandlung (”kauf ich den Fernseher oder nicht”), dann stößt man auf eine Merkwürdigkeit: es kann nur das herauskommen, was das Lebensgefühl eh vorgibt. Dazu stelle man sich jemanden vor, der den starken Eindruck hat, dass das Leben völlig belanglos und und von einer steten Unbehaglichkeit begleitet ist. Regelmäßig meldet sich das deutliche Bewußtsein, dass sich der Aufwand nicht rentiert und das Leben eigentlich nur ein verzweifeltes Investieren und Aufrechterhalten einer physischen und geistigen Struktur ist, die eh gegen Struktur-Auflösung tendiert (der Körper läßt nach, die geistige Spannkraft ebenfalls). Die ganze ästhetische Dimension muss ja im Lebensgang schrittweise entwertet werden - das Szenario, froh zu sein, zukünftig noch unfallfrei aus dem Bett zu kommen, steht vor Augen. Der Stolz auf den eigenen Körper muss regredieren, weshalb Kleidung mehr und mehr der Verdeckung denn der Exponierung dient. Das läßt sich durchaus auch vom Jetztstandpunkt extrapolieren. Dann käme jemand daher und forderte ihn auf, sein “Gefühl” doch einmal zu überprüfen und “hart zu kalkulieren”. Unser Probant würde sich dann hinsetzen und nach bestem Wissen und Gewissen seine Lebensbilanz + spekulativer Entwicklung mit Attributwerten und Gewichtungen versehen, Aufwand und Ertrag quantitativ gegenüberstellen. Die Merkwürdigkeit: es wäre doch seltsam, wenn er nach Rechnung plötzlich sagte: “Hoppla, es rentiert sich ja doch - da bin ich aber überrascht!”. Der Verdacht muss sich aufdrängen, zu wenig Attribute eingespeist oder falsch gewichtet zu haben. Hier kann es nur die Flucht in die Zukunft namens Hoffnung geben: es könnte ja zu Wendungen und Umstülpungen der Sichtweise kommen. Das ist vermutlich auch die “Weichstelle”, an der plötzlich spiritualistisches Gedankengut seine Chance zur Einwanderung bekommt.

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Umsicht

Monday, 24. September 2007 8:16

Als Philosoph hat man in erster Linie an Attributen interessiert zu sein, die unseren Geist (im Sinne von “mind”, nicht “brain”) charakterisieren. Er interessiert sich für intelligenz, Schläue, Einfallsreichtum, Cleverness usw. als Ausfaltungen dessen, was man früher mit dem monolithischen Substantiv “Vernunft” bezeichnete. Hierzu zählt auch die Eigenschaft der “Umsicht”.Es spielt zunächst keine Rolle, ob dieser Begriff sofort seiner phänomenlogischen Provenienz bei Heidegger zugeschlagen wird oder nicht (und damit auch einer bestimmten Aufweismethode). Es ist ein Attribut, das man eben hat oder auch nicht; und wir wissen es, anzuwenden. Sein Gegenpart ist “blind”. Wir kennen dieses Paar aus dem Fußball, das den Unterschied gut illustriert.

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Authentizität 4

Sunday, 22. July 2007 14:00

Manchmal wird so geredet, als ob Authentizität als eine Art kulturelle Gegenkraft zu den wirtschaftlich motivierten Verschiebebahnhöfen auf den Plan tritt. Ich vermute, das ist falsch. Ganz im Gegenteil: die Authentizität tritt als Mittel und Funktion ökonomischer Motive auf. Man möchte sich als “durchschaubar”, “berechenbar”, “extrapolierbar”, “stetig” präsentieren. Bindungstransaktionen. Ganz besonders prominent: bei Bewerbungen in der Arbeitswelt. Jeder Akquiseakt läuft unter diesem Motto.

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Authentizität 3

Sunday, 22. July 2007 13:49

Würde man unser alltägliches “In-der-Welt-Sein” phänomenologisch als heideggerschen Orientierungsmodus verstehen wollen, dann müßten wir von einer “taktischen Temperiertheit” sprechen. Es wäre ein Fehler, das “verlogen” zu nennen; es ist einfach nur ein in Gleichgewichten zu beschreibender Balanceakt zwischen Fordern und Zügeln, Investieren und (Er)sparen, Positionieren und Vermeiden, Exponieren und Verdecken.

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Authentizität 2

Sunday, 22. July 2007 13:39

Manchmal kommt es vor, daß sich Personen das Prädikat “authentisch” zuschreiben können, weil sie viel großzügigere Kriterien und Zählprinzipien verwenden (manche Dinge werden gar nicht gezählt). Das kann dann in Anlehnung an Watzlawick dazu führen, daß man eo ispo gar nicht mehr “inauthentisch” sein kann, weil nichts mehr darunter fallen würde. Wir würden als offene Bücher der Natur durch die Welt spazieren. Wer glaubt dies ernsthaft?

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Authentizität 1

Sunday, 22. July 2007 13:24

Man kann nahezu jede persönliche Interaktion als Geschäftsgebahren verstehen. Deshalb müssen auch Selbstzuschreibungen oder Forderungen nach Authentizität unter Vorbehalt bis zur Prüfung gesetzt werden (”ich bin authentisch”; “sei authentisch”). Im ersten Fall handelt es sich nicht selten um eine Werbemaßnahme (ist also selbst Teil eine Strategie oder Taktik), im zweiten Fall möchte man bessere Berechnungsgrundlagen für das Gegenüber erhaschen. Würde man das bestreiten, so hieße das zu behaupten, daß aus der persönlichen Selbstauskunft, man sei authentisch, folgt, daß man authentisch ist. Wer würde das unterschreiben wollen?

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Theoriedesign

Monday, 16. July 2007 8:03

Der Ausdruck stammt von Luhmann. Theorien werden angelegt und kultiviert wie Gärten. Es gibt da zwei Großtypen: Identitäts- und Differenzkalküle. Der Identitätstheoretiker schaut auf die gemeinsamen normativen Standards, die unterschiedenen “Systemen” zugrundeliegen (Rationalitätskern), der Differenztheoretiker die vielen unterschiedlichen “Eigenroutinen” der Systeme. Habermas und Luhmann. Differenzkalküle sind sicher die besseren “Starter”, weil sie weniger voraussetzen. Das Prekäre ist nur, daß damit die Zugreifbarkeit der Systeme untereinander von vornherein unterbunden wird, nur weil das Modell es so vorsieht. Die Barrieren werden unter Rückgriff auf “Sprachspiele” mitunter sogar zu Verständnisbarrieren gesteigert (Postmoderne). Wie muß man ein Design wählen, um differentiell beginnend derartige modellbedingten Artefakte und Präjudize nicht entstehen zu lassen?

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Schlagfertigkeit

Saturday, 16. June 2007 11:25

Wenn man jemanden eloquent oder schlagfertig nennt, so heißt das in unserem Modell: er kann zeitnah verbal bezahlen oder “zurückzahlen”. Die Währung ist das Wort.

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Verkaufsanomalie

Thursday, 7. June 2007 12:16

Bevor eine ideale vernünftige Person P die Bedürfnisse anderer erfüllt, wird sie immer überlegen, ob es Sinn macht - ob sie möchte - daß das jeweilige Bedürfnis überhaupt erfüllt wird. Niemand muß die Bedürfnisse anderer erfüllen. Vielleicht wird ja eine Lebensform oder “Kultur” gestützt, deren Existenzberechtigung unser vernünftiger Agent eigentlich bezweifelt. Deswegen prüft er normalerweise.

Der realexistierende Verkäufer indessen, der unter Konkurrenzbedingungen handelt - läßt diesen Vorgang aus. Mit Ausnahme vielleicht von Sittenwidrigkeiten bearbeitet er “professionell” alles, was betriebswirtschaftlich Sinn macht (man könnte beinahe von einer marktwirtschaftlichen Variante des ”Befehlsnotstands” sprechen).

In diesem Zusammenhang kommt dem realexistierenden Verkäufer der Subjektivismus und Relativismus unserer Zeit entgegen. Er sagt dann kleinmütig: “Ich maße mir nicht an, über den Wert von Zielen anderer zu urteilen”. Das kommt an, weil das bescheiden daherkommt.

Verkäufer sind nicht das Maß der Dinge - aus Rationalitätsgründen. Das Prüfmodul wird nämlich außer Kraft gesetzt. Die Berufsidee eines Verkäufers beruht auf einer Persönlichkeitsanomalie: denn von einem guten Verkäufer wird erwartet, daß er alles mögliche an alle möglichen Leute verkaufen kann. Das tut ein vernünftiger Agent aber nicht.

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Manipulation

Sunday, 20. May 2007 12:55

Daß wir nichts verändern können, kann natürlich nicht wörtlich genommen werden. Seit meinem Aufstehen heute habe ich sehr viele Dinge getan, die den Zustandsraum um mich herum verändert haben. Die Zahnbürste hat sich nocht etwas mehr abgenutzt, im Marmeladenglas ist weniger drin, ich habe ein Buch ein eine andere Ecke gelegt. Vielleicht stolpere ich demnächst über dieses Buch und ziehe mir eine Verletzung zu. Der Umgang mit anderen Personen ist eine schlichte Fortsetzung dieses “Beeinflussungskontinuums”. Dazu gehört die Verdeckung dieses eigensinnigen Verhaltens durch Aufforderung zur Authentizität im übrigen auch. Wenn man dies weiß und anderen derartiges Verhalten auch zuschreibt, bleibt wenig Raum für Skrupel.

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