Weichenstellung

Wednesday, 3. September 2008 9:44

Es kommt nicht selten vor, dass Philosophieinteressierte in Foren oder in den Medien die Übersetzung von der “Liebe zur Weisheit” aufgreifen. Das ist nicht unbedingt falsch, kann aber irreführen. Zumeist assoziiert man mit dem Weisheitsprädikat nämlich gerne “Lebenserfahrung”. Im Gefolge verlegt man dann gerne die Beschäftigung zeitlich nach hinten und tut so, als wäre es eine Frage des Alters, ob man Einsicht nimmt in solche Konzepte wie “Wahrheit”, “Bestätigung”, “Induktion”, “Kausalität”, “Erklärung” oder Formen gültigen Argumentierens. Daraus resultiert dann, dass die Beschäftigung durch diese Definition zu spät kommt. Philosophie soll ja Weichen stellen, die einen gar nicht erst Fehler machen lässt: eine Navigationshilfe.

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Kumulativ

Tuesday, 2. September 2008 21:13

Wenn man den Befürwortern “lebenslangen Lernens” manchmal so zuhört, dann drängt sich einem ein kumulativer Wissensbegriff, eine zeitliche Anhäufung von Wissen auf. Tatsache ist doch aber, dass große Teile unserer geistigen Orientierung “Bereinigungsaktionen” sind. Wir schmeißen Gelerntes hinaus, weil es sich als unnütz, untauglich, falsch oder dergleichen herausstellt.

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Symbolischer Raum

Wednesday, 26. September 2007 10:10

Die Rede von “Räumen” hat sich ja bewährt. So ist jede Person Träger eines erweiterbaren, dynamischen Überzeugungsraums (die Elemente sind Überzeugungen, Propositionen). In gleicher Weise nimmt jede Person einen symbolischen Raum (Raum der verfügbaren Zeichen und Darstellungsmittel) in Beschlag, der ebenfalls erweiterbar und dynamisch ist (man könnte von symbolischen Zeitscheiben - slices - sprechen). Zu diesem Zustandsraum gehören Französisch-Kenntnisse oder der Gebrauch musikalischer Notation genauso wie Kenntnisse in der Programmiersprache Java, der Modellierungssprache UML oder Kenntnisse in algebraischen Strukturen. Die üblichen Zuordnungen in “geisteswissenschaftlich” oder “naturwissenschaftlich” sind dabei – pragmatisch - gegenstandslos. Je mächtiger der verfügbare Sprachrahmen, desto bessere Artikulations- und Durchsetzungschancen hat der Akteur – allerdings nur in Kombination mit einem wasserdichten Überzeugungsraum. Und in den Überzeugungen liegt die Erdung, weil man symbolisch spintisieren kann.

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Umsicht

Monday, 24. September 2007 8:16

Als Philosoph hat man in erster Linie an Attributen interessiert zu sein, die unseren Geist (im Sinne von “mind”, nicht “brain”) charakterisieren. Er interessiert sich für intelligenz, Schläue, Einfallsreichtum, Cleverness usw. als Ausfaltungen dessen, was man früher mit dem monolithischen Substantiv “Vernunft” bezeichnete. Hierzu zählt auch die Eigenschaft der “Umsicht”.Es spielt zunächst keine Rolle, ob dieser Begriff sofort seiner phänomenlogischen Provenienz bei Heidegger zugeschlagen wird oder nicht (und damit auch einer bestimmten Aufweismethode). Es ist ein Attribut, das man eben hat oder auch nicht; und wir wissen es, anzuwenden. Sein Gegenpart ist “blind”. Wir kennen dieses Paar aus dem Fußball, das den Unterschied gut illustriert.

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Mitschwimmen

Wednesday, 15. August 2007 12:20

Von dem Aachener Philosophen Geert Keil stammt der Satz: »Aufgabe der Philosophie ist nicht, auf der sicheren Seite zu sein, sondern herauszufinden, wie es sich tatsächlich verhält«. So isses. Man könnte noch hinzufügen: Es ist auch nicht deren Aufgabe, sich gegen etwas zu stellen - das Leben “als anderer” oder das Leben in der Revolte (”Wehren” als Lebensform; man kennt das aus der Frankfurter oder Teilen der “Französischen” Schule). Dem liegt eine verquere Vorstellung vom “Kritischen” zugrunde. Philosophie - richtig verstanden - ist unterkühlt und unabhängig von Solidaritätsadressen jeder Couleur. Sich gemein machen gilt nicht. Eine Solidaritätsadresse wäre es im übrigen auch, sich im Kompromißraum der “Mitte” aufzustellen. Sondern: man stellt sich schlicht dorthin, wo es die Überlegung erfordert. Insofern ist Philosophie politikfrei und ohne Fraktionszwang. Das schließt nicht aus, daß man genau zu den Ergebnissen gelangt, die eine andere Gruppe vertritt. Ausgeschlossen ist aber, daß man zu bestimmten Resultaten kommt, um dabei zu sein. Vielmehr handelt es sich um ein zufälliges Zusammenfallen der Ansichten, die sich oft hinsichtlich der Begründungsart noch einmal unterscheiden. Alles andere ist tendenziös.
Keils Charakterisierung - so richtig sie ist - muß aber noch erweitert werden, weil sie sich nur auf Doxastik (”was ist der Fall”) und nicht auf die praktische Philosophie bezieht (”was ist zu tun”). Ein Philosoph, der letzteres nicht bedient, ist intellektuell halbseitig gelähmt. Damit ist nicht “Umsetzung” gemeint, sondern der geschickte Gebrauch von Hirn zu Handlungszwecken. Im praktischen Bereich kommen Urteilskraft, Klugheit, Intelligenz und Rationalität im allgemeinen ins Spiel (”welche Züge mache ich aus welchen Gründen unter welchen Umständen?”). Es kann nicht sein, daß - wie oft anzutreffen - Philosophen überlegte Maßnahmen zur Überzeugungsfestlegung (”fixation of belief”) ergreifen, aber schwach in praktischen Kalkülen sind. Das erfordert eine weit größere gedankliche Abgeschlossenheit (ich nenne das “intellectual closure”) als das bloße Wirken eines Wissenschaftlers, der sich dann von der Ehefrau/dem Ehemann/dem Lebensgefährten am Gängelband des Geschlechtstriebs führen oder sich vom Chef sagen läßt, wo im Leben “tatsächlich” oder “eigentlich” der Hammer hängt (z.B. auf dem “Markt”). Ein reines Erfüllungsgehilfendasein muß dem Selbstverständnis eines tauglichen Philosophen zuwiderlaufen, denn es geht um Deutungshoheit. Er übernimmt bisweilen, imitiert aber nie. Wo die Gebrauchsdimension (”das Pragmatische”) nicht ausgefüllt wird, bekommt man die üblichen gebildeten, belesenen Witzfiguren zu sehen, die so fürchterlich unzeitgemäß und unbeholfen wirken. Und reines Distanzboxen ohne Punch a la Henry Maske wirkt unsexy. In nuce: der Output sollte schon eine Form revisionsfähiger Persönlichkeit sein - eine notwendige Bedingung für beratende Tätigkeiten alle Art.

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Thema: analysis, general | Kommentare (0)

Jargon des Wesentlichen

Monday, 16. July 2007 8:19

Die Maxime, man solle auf das “Wesentliche” achten, ist häufig nahezu leer, weil ex post. Der Pragmatiker, der sich dynamisch in ein Handlungsfeld mit Zukunft hineinoperierend wahrnimmt, weiß ja häufig gar nicht, welche Weltattribute die wesentlichen sind oder was eine Indikator für etwas anderes per Gesetzesartigkeit ist; oft kennt er ja noch nicht einmal das Problem. Wenn eine Polizeistreife an einem korrekt geparkten weißen Auto gegenüber einer Sparkasse vorbeifährt, das sich später als Fluchtauto bei einem Bankraub herausstellt, hat der Polizeibeamte dann einen Fehler gemacht, weil er sich das Nummernschild des unauffälligen Autos (das Wesentliche der Identifikation) nicht gemerkt hat?

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Thema: analysis, concepts&models, reasoning | Kommentare (0)

Anlagevermoegen

Saturday, 16. June 2007 11:11

Buchungstechnisch beschreiben die Anlagen und Verhaltenstendenzen einer Person dessen Anlagevermögen. Es formuliert die Kontenwerte für dessen “Betriebsbereitschaft”; wie beim Original der Buchführung (Inventar, Bilanz: Aktivaseite) kann dieses Vermögen nach “Flüssigkeit” angeordnet werden, nämlich nach der Fähigkeit, es in liquide Zahlungsmittel umzuwandeln. Nur so kann ja wieder bezahlt werden.

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Thema: ecosophia | Kommentare (0)

Storytelling

Saturday, 19. May 2007 18:48

Wäre es wissenschaftlich, philosophisch oder überhaupt reizvoll, gedankliche Strukturgewinnungsmaßnahmen durch “Storytelling” und die Abschilderung von vorüberziehenden Vorgängen in der Realiät zu ersetzen? Nein. Es käme uns recht schnell sehr fade vor. Wir alle möchten diese Vorgänge schon als Instanzen einer Gesetzmäßigkeit oder Regel strukturell unter Dach und Fach bringen. Die Kontrollreichweite steigt dadurch.

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Thema: inquiry, motives, reasoning, systematics | Kommentare (0)

Gebrauch

Monday, 7. May 2007 13:38

Was wir benötigen - und was in der Philosophiegeschichte nur zum Teil oder gar nicht systematisch angegangen wurde - ist eine Gebrauchstheorie des Verstandes. Eine endliche, erweiterbare Liste von Verfahrensweisen, die uns nahelegt, in Situationen vom Typ X bewährte Ressourcen vom Typ Y zu mobilisieren. “Regulae ad directionem ingenii” sozusagen, die uns wie Messer und Gabel zur Verfügung stehen und über deren Einsatz der Akteur souverän entscheidet. Diese Anweisungsfragmente würden ohne expliziten Rückgriff auf die Computermetaphorik (es bringt - praktisch gesehen - nichts, sich selbst als die Software des Computers aufzufassen) als Verwendungsmodule eingeführt und enthielten von sich aus auch keine Verweise auf das Leib-Seele-Problem. Den Kern dieses Unterfangens würde eine “Gebrauchstheorie des Nutzens” ausmachen. Nur so könnten sich professionelle Philosophen des Einwands entschlagen, sie produzierten intellektuelle Halden ohne praktischen Punch. Außerdem wäre dem “Primat der praktischen Vernunft” Folge geleistet, ohne Moral eine Sonderrolle zuzugestehen. Moralische Urteile werden zu einem Teil unseres Arsenals.

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Thema: concepts&models, methods, systematics | Kommentare (0)

Handeln

Tuesday, 1. May 2007 16:20

Denken kann gegen Handeln grundsätzlich nicht ausgespielt werden (”handle, denke nicht”). Der Handlungsakt selbst (z.B. das Aufgießen eines Tees zur Behandlung einer Erkältung) gehört nicht mehr zum rationalen und intellektuellen Bereich aller Gründe und vernünftigen Motive eines Agenten. Es ist ein schlichtes Ereignis. Daran ändert auch der Sophismus nichts, daß der, der denkt, etwas tut. Das faktische Aufgießen des Teebeutels ist etwas anderes als sich zu überlegen, ob und warum man sich einen Teebeutel aufgießen könnte.

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Thema: motives, reasoning, technics | Kommentare (0)