Entwerten

Wednesday, 27. August 2008 13:43

Für gewöhnlich lassen wir Leuten recht großen Raum, wenn sie - implizit oder explizit - ihren Überzeugungen Ausdruck verleihen.
Es gibt aber ein interessantes Phänomen, das man nicht unterschätzen sollte und das in Überzeugungstheorien berücksichtigt werden muss: unsere Fähigkeit, jemandem etwas nicht “abzunehmen” (”das kannst Du nicht ernsthaft glauben”).
Dies Verfahren setzt durchaus nicht erst bei logischen Widersprüchlichkeiten ein, sondern schon in Bereichen materialer Urteile des Akteurs. Wenn z.B. eine Fahrkontrolle einen Schwarzfahrer “erwischt”, dann wird der Kontrolleur dem “Delinquenten” nicht glauben, wenn dieser sagt: “Ich habe nicht gewusst, dass man für Transportleistungen zahlen muss”. Diese Ungläubigkeit reicht sogar weit bis in den Bereich von angeblich “hypersubjektiven” Urteilen ästhetischen Zuschnitts hinein. Wenn z.B. Anna Nicole Smith gesagt hätte, sie habe den reichen alten Herren aus ästhetischen Motiven heraus geheiratet, so würden wir das kaum glauben. Wir sind also generell in der Lage und Willens, die “privaten Überzeugungen” von den öffentlich vorgetragenen zu unterscheiden, um dadurch in der Lage zu sein, Strategien zu isolieren. Wir übergehen sinnvollerweise in solchen Fällen die Individualität des Gegenübers durch einen Übergriff, um ein besseres Tracking zu erreichen. Wir entwerten die Aussage einfach.

Tags: ,

Verwandte Artikel

Thema: general | Kommentare (0)

Fehler

Thursday, 6. March 2008 1:21

In einer Kritik an einem wissenschaftstheoretischen Werk von Sehon meldet Gilbert Harman Widerstand bei der These an, gewisse empirische Wissenschaften wie die Psychologie hätten keinen normativen Gehalt.

Er weist als Gegenbeispiele darauf hin, dass Psychologen über Studien herausgefunden hätten, dass normale Personen häufig nicht rational handelten (z.B. wenn sie eine Entscheidung abhängig machen von der Art der Darstellung; Beispiele für Voreingenommenheit; Auffinden von logischen Fehlern bei Probanden, z.B. “p und q” für wahrscheinlicher zu halten als “p” allein,…); Harman bindet dabei den Ort der Erkenntnisse an die psychologischen Fachbereiche an der Universtität Princeton bzw. Forschungsinstitute generell.

Dieses Argument ist faul. Die Psychologen haben nicht den Fehler als Fehler diagnostiziert (dies wäre normativ), sondern im Wissen, dass es sich um Fehler handelt, empirisch Handlungen real existierenden Personen ggfs. korrekt zugeordnet (es ist keine psychologische Erkenntnis, dass “p und q” unwahrscheinlicher, weil anspruchsvoller ist, als “p” allein). Der normative Gehalt (dass ein Gedanke verfehlt ist) bleibt philosophisch/eine Geltungsfrage.

Deshalb ist es grundsätzlich besser, Aussagenklassen zu unterscheiden und nicht Departments von Universitäten. Personen sind dann einfach Träger verschiedener Aussagenklassen (physikalische, psychologische, biologische, logische). Diese liegen bei verschiedenen Personen in unterschiedlichen Qualitätsstufen vor. Und wenn eine Person, die nicht als Fachmann gilt, eine wahre Aussage macht, die der eines Fachmannes widerspricht, dann wird sie nicht dadurch falsch. Letztendlich treten immer nur Personen gegen Personen an, nie Personen gegen “die Wissenschaft”.

Harman würde dies vermutlich ablehnen mit der quasi-quineschen Begründung, es gebe keine klare Unterscheidung zwischen normativen und empirischen Bereichen.

Tags: ,

Verwandte Artikel

Thema: analysis | Kommentare (0)

Symbolischer Raum

Wednesday, 26. September 2007 10:10

Die Rede von “Räumen” hat sich ja bewährt. So ist jede Person Träger eines erweiterbaren, dynamischen Überzeugungsraums (die Elemente sind Überzeugungen, Propositionen). In gleicher Weise nimmt jede Person einen symbolischen Raum (Raum der verfügbaren Zeichen und Darstellungsmittel) in Beschlag, der ebenfalls erweiterbar und dynamisch ist (man könnte von symbolischen Zeitscheiben - slices - sprechen). Zu diesem Zustandsraum gehören Französisch-Kenntnisse oder der Gebrauch musikalischer Notation genauso wie Kenntnisse in der Programmiersprache Java, der Modellierungssprache UML oder Kenntnisse in algebraischen Strukturen. Die üblichen Zuordnungen in “geisteswissenschaftlich” oder “naturwissenschaftlich” sind dabei – pragmatisch - gegenstandslos. Je mächtiger der verfügbare Sprachrahmen, desto bessere Artikulations- und Durchsetzungschancen hat der Akteur – allerdings nur in Kombination mit einem wasserdichten Überzeugungsraum. Und in den Überzeugungen liegt die Erdung, weil man symbolisch spintisieren kann.

Tags: , , ,

Verwandte Artikel

Thema: general, speech | Kommentare (0)

(Un)Freundlichkeit

Friday, 7. September 2007 21:25

Freundlichkeit macht Aussagen oder Vorschläge kein Jota mehr wahr respektive vernünftig als Unfreundlichkeit. Und umgekehrt.

Tags: ,

Verwandte Artikel

Thema: general | Kommentare (1)

Muster

Sunday, 26. August 2007 13:19

Die Ansicht, dass man beim Interpretieren von Objekten oder Verhalten “nur” Muster projeziert, die irgendwie mit den Aktivitäten des Gehirns in Verbindung stehen, erfreut sich großer Beliebtheit. Das kann man auch so stehen lassen (vielleicht ohne das “nur”, denn dass da irgendwelche Mechanismen im Spiel sind, stand ja immer außer Frage - sonst gäbs auch nichts zu forschen). Mich stört eher, dass das nicht hinreichend sein kann.

Dazu stelle man sich zwei Personen vor, S (für Stratege) und D (Strategiedeuter). Alltagsbeispiele wären: ein Personalchef, der einem Bewerber nicht sagt, was er eigentlich mit ihm vorhat, eine Frau, die einen Mann an der Nase herumführt (sie spricht von Liebe und meint sein Portemonnaie), ein Verkäufer, er seine besseren Informationen beim Verkauf gegenüber D kapselt, zwei Schachspieler, bei denen einer die weißen Steine, der andere die schwarzen hat (Nachziehen), ein Lehrer, der seinen Schülern absichtlich vorgaukelt, sie bräuchten später das Wissen, das er lehrt (und über dieses Werbemanöver seinen Unterhalt bezieht; vor kurzem erlebt: ein Lehrer insinuiert Schülern, ohne Pythagoras gings im Leben nicht).

Wir haben a priori die Vorstellung dass der D den S falsch interpretieren kann (unzutreffendes Muster). Wir können uns auch vorstellen, dass D sich immer näher an die tatsächliche Strategie von D heranpirscht (formal ist das so: er beginnt mit einer grobkörnigen Hypothese, und schachtelt sie immer feinkörniger ein, sodaß die grobkörnigste Hypothese aus allen feinkörnigeren folgt).

Das Entscheidende ist: wir haben eine Vorstellung davon, dass D den S prinzipiell “stellen” kann; dann nämlich, wenn seine Hypothesen genau das abbilden, was S sich tatsächlich denkt. Das ist nicht nur “Gedankengut”, denn es schließen sich Handlungen an und man stellt evtl. stolz fest: “Ich bin ihm/ihr nicht auf den Leim gegangen.” Wir können jetzt sagen: D interpretiert S richtig, seine Hypothesen sind wahr. Auch über die Form dieser Hypothese, einem komplexen (zusammengesetzten) Satzgefüge, in denen von Absichten, Plänen, Modi, Überzeugungen die Rede ist: “Weil S dies und jenes erreichen möchte, und dies und jenes über mich und die Welt glaubt, macht er diesen und jenen Zug in dieser Art und Weise.”
Ein derartiges Aufschlüsselungs-Können ist heute eminent wichtig geworden, denn es stehen immer dichter werdende Sanktionen darauf, andere Personen per Gewalt zu dem zu bewegen, was im eigenen Interesse steht. Deshalb verschiebt sich alles in Richtung Kapselung, Schläue, Verdeckung, Informationsdefizite ausnutzen, vor vollendete Tatsachen stellen (”schneller ziehen”).
Redet man “nur” von Mustern, dann stellt man in Abrede, dass es richtige und verkehrte gibt, ja dass es die Möglichkeit einer idealen Abbildung gibt. Dass das der Normalfall ist, will ich damit nicht sagen, aber es ist prinzipiell möglich. Davon gehen wir auch im Alltag aus, selbst dann, wenn die Indizien mager sind. Oft sind wir auch zu faul, um nachzuforschen oder wir betrachten diese Investition als unökonomisch. Übrigens: Galilei ging ja auch von einem idealen Kalkül aus, und nicht von dem, was er vorfand (siehe. C.F. von Weizsäcker).

Es ist der Unterschied zwischen “einem Muster zuordnen” und das “richtige Muster zuordnen”, das die Musik macht. Einebnen kann man das nur, wenn man alle Muster als gleichwertig behandelt. Das aber ist absurd und könnte nicht erklären, weshabl manche Muster erfolgreicher sind als andere (zumindest langfristig). Es gäbe dann im Leben auch keinen Grund mehr, sich in irgendeiner Form schlauzumachen, zu “ermitteln”.

Es ist mittlerweile eine richtige Plage geworden, dass inadäquate Erkenntistheorien (zumeist Perspektivismustheorien oder Theorien, die mit einem metaphorischen Fehlschluss arbeiten, demgemäß Gehirne etwas “tun”) über derartig einfache Überlegungen einfach drübergestülpt werden. Vor allem handeln die Vertreter dieser Erkenntnistheorien ihren eigenen Theorien zuwider; denn sie glauben immer, dass man etwas tatsächlich herausfinden kann - sie schauen fern und lassen sich über die Geschichte aufklären, sie stöbern bei Wikipedia, nehmen Gesetzesnovellen ernst und machen andere per Argument darauf aufmerksam, daß sie etwas “falsch” sehen. Das ist ein Bruch zwischen theoretischem Unterbau und faktischem Handeln, auf den schon Dewey immer hinwies.

Um Missverständnissen vorzubeugen: in einer vollständigen Theorie können naturwissenschaftliche und “sonstige” Erkenntnisse nicht kollidieren.

Tags: , , , ,

Verwandte Artikel

Thema: inquiry, motives, reasoning | Kommentare (0)

„Einstellungen“

Wednesday, 15. August 2007 6:56

Wir werfen gerne mit Einstellungsprädikaten wie “skeptisch”, “realistisch”, “optimistisch” um uns, um Dispositionen von Personen zu markieren. Das ist Psychologie oder aber die Umgehung sprachlicher Redundanzen, denn nichts hängt von dieser Zuschreibung ab. Man tut so, als hinge Sinn und Verstand von Überzeugungen und Handlungen von ihnen ab. Das ist Humbug. Entweder der Gedanke greift, oder er greift nicht.

Tags: , ,

Verwandte Artikel

Thema: reasoning, truth, words | Kommentare (1)

Funktion

Saturday, 4. August 2007 18:48

Es gibt eine wahrnehmbare Tendenz zur Funktionalisierung des Denkens. So läßt sich vorstellen, daß man einstmals substantielle Form-Vorstellungen syntaktischer, semantischer oder ontologischer Art dessen hatte, was als “Theorie” gelten kann (oder als “Definition”…). So könnte jemand gesagt haben, daß Theorien Überlegungen sind, die wahrnehmbare Dinge aufführen und einen anderen Tatbestand erklären. Dann war vielleicht aufgefallen, daß man oft nicht sichtbare Dinge benötigt (z.B. Absichten), um Handlungen zu erklären. So erweiterte man den Theoriebegriff. Diesen Vorgang stelle man sich mehrmals vor. Dann bleibt zum Schluß die mächtige, aber blasse Vorstellung übrig, eine Theorie sei etwas, das etwas anderes erklärt. Eine Variable mit einem Erklärungsfunktor. Die eingeschränkteren Formen zerschellen dabei jedesmal an unserem Unwillen, funktionierende oder tragfähige Ansätze aufzugeben. Vom Substanz- zum Funktionsbegriff sozusagen (Cassirer).

Tags: , , , ,

Verwandte Artikel

Thema: reasoning, systematics | Kommentare (0)

Authentizität 2

Sunday, 22. July 2007 13:39

Manchmal kommt es vor, daß sich Personen das Prädikat “authentisch” zuschreiben können, weil sie viel großzügigere Kriterien und Zählprinzipien verwenden (manche Dinge werden gar nicht gezählt). Das kann dann in Anlehnung an Watzlawick dazu führen, daß man eo ispo gar nicht mehr “inauthentisch” sein kann, weil nichts mehr darunter fallen würde. Wir würden als offene Bücher der Natur durch die Welt spazieren. Wer glaubt dies ernsthaft?

Tags: , , , , , ,

Verwandte Artikel

Thema: analysis, motives | Kommentare (0)

Authentizität 1

Sunday, 22. July 2007 13:24

Man kann nahezu jede persönliche Interaktion als Geschäftsgebahren verstehen. Deshalb müssen auch Selbstzuschreibungen oder Forderungen nach Authentizität unter Vorbehalt bis zur Prüfung gesetzt werden (”ich bin authentisch”; “sei authentisch”). Im ersten Fall handelt es sich nicht selten um eine Werbemaßnahme (ist also selbst Teil eine Strategie oder Taktik), im zweiten Fall möchte man bessere Berechnungsgrundlagen für das Gegenüber erhaschen. Würde man das bestreiten, so hieße das zu behaupten, daß aus der persönlichen Selbstauskunft, man sei authentisch, folgt, daß man authentisch ist. Wer würde das unterschreiben wollen?

Tags: , , , , , ,

Verwandte Artikel

Thema: concepts&models, ecosophia, technics | Kommentare (0)

Schlagkraft

Monday, 16. July 2007 9:03

Das Erstaunliche in der Theorieentwicklung der vergangenen Jahrhunderte scheint mir zu sein, daß eine Absenkung der Erkenntnisansprüche zu einer Erhöhung der Leistungsfähigkeit und Schlagkraft geführt hat. Wir denken “in terms of” Hypothesen, anstatt Evidenzen, in Korrelationen als defizientem Modus von Kausalität, sind uns des Setzungscharakters von Axiomen bewußt und verfügen über eine vorsichtigere Forschung in der Formalen Logik (es ist nicht “logisch” so, daß ein losgelassener Stein nach unten fällt); generelle Hypothesen folgen nicht aus Beobachtungen und selbst die sogenannten “Basis- oder Protokollsätze” beargwöhnen wir. Die Fortschritte in Technik, Medizin o.ä. dokumentieren dies.

Tags: , , , , ,

Verwandte Artikel

Thema: concepts&models, inquiry, methods | Kommentare (0)