Wie
Zitat aus Siegfried J. Schmidts “Diskurs des radikalen Konstruktivismus”:
“Die Erkenntnistheorie des radikalen Konstruktivismus…ist nicht reduktionistisch. Das soll heißen, sie ersetzt die traditionelle epistemologische Frage nach Inhalten und Gegenständen von Wahrnehmung und Bewußtsein durch die Frage nach dem Wie und konzentriert sich auf den Erkenntnisvorgang, seine Wirkungen und Resultate.”
Es handelt sich also genau genommen gar nicht um Erkenntnistheorie. Das Thema wird gewechselt. Die Erkenntnistheorie beschäftigt sich mit den den begrifflichen Bedingungen, unter denen Wissen möglich ist, falls es welches geben sollte. Gleichmaßen mit der Frage, was es heißt, sich zu irren. Was weiß ich über die Geltung einer Aussage von Person P, wenn ich die “Wie-Frage” durch Verkettung von “indem-Sätzen” aufgreife: “…indem er den Mund öffnet, Laute herauspresst, dabei grinst…”?
Das Problem, den Inhalt oder den evaluierbaren Gehalt ins System zu bekommen (bei den sprachphilosophischen Ansätzen dasjenige, was sich an den dass-Operator in Ausdrücken wie glauben, dass… anschließt) ist kein spezielles Problem dieses Konstruktivismus. Heidegger hatte dasselbe Problem, als er auf phänomenologischer Basis versuchte, fast ausschießlich mit Vollzugsverben zu arbeiten (nominalisierte Verben oder Partizipialkonstruktionen: Sorge, Verstehen, in-der-Welt-Sein, Entschlossenheit, Sein zum Tode, Unverborgenheit…), um das Bewegungsmoment der Existenzialien einzufangen.
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Saturday, 5. April 2008 21:52
Zitat aus Siegfried J. Schmidts “Zur Ideengeschichte des Radikalen Konstruktivismus”:
“Entwickelte Sprache führt nun aber – wie entwickelte arbeitsteilige Produktion (sensu Marx) – zu einer grundlegenden Entfremdung: So wie den Menschen Arbeit und ihr Produkt als “fremde Macht” gegenübertritt, so tritt ihnen die von ihnen selbst konstruierte Wirklichkeit als etwas scheinbar Objektives gegenüber.”
Zum Thema Erkenntnistheorie oder nicht sagte schon von Glasersfeld selbst (”An Introduction to Radical Constructivism”):
“… The constructivism I am proposing differs radically from the traditional conceptualizations. That radical difference concerns the relation of knowledge and reality. Whereas in the traditional view of epistemology, as well as of cognitive psychology, that relation is always seen as a more or less picture-like (iconic) correspondence or match, radical constructivism sees it as an adaptation in the functional sense.”
Ein evaluierbarer (Wortstamm!) Gehalt ist also lediglich Folgeerscheinung im RK. Um Mund öffnen, Laute herauspressen etc. geht es im RK aber nirgends.
Beste Grüße!
Saturday, 5. April 2008 22:54
Was die bekannten radikalen Konstruktivisten bisher tatsächlich noch nicht geschafft haben, ist, ein sauber fundamentiertes System für philosophisch, insbesondere aber alltäglich, interessante Begriffe wie “Überzeugung”, “Wissen”, “Wahrheit”, “Irrtum” etc. abzuliefern. Sie führen in ihrem Axiomen- und Regelsystem statt dieser Begriffe ja “nur” eine Form von Selbstorganisation eines Systems, die ausschließlich der eigenen “Stabilisierung” dient.
Seien wir optimistisch: mit etwas Introspektion und Phantasie finden wir vielleicht gerade aus diesem Blickwinkel die unserem alltäglichen Denken zu Grunde liegenden “atomaren” Gedanken(-gänge). Ohne jeden Versuch, Gedanken an Hirnaktivität “ablesen” zu wollen.
Beste Grüße!
Sunday, 6. April 2008 11:33
Hallo Dirk,
um die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Die Vorstellung, die Konstruktivisten seien aufgetaucht, um gegen die “Lehrmeinung der Philosophen” (Realismus) anzutreten ist irrig.
Seit ehedem gab es eine erhebliche Anzahl von Versuchen, eine Position zu vertreten, die man heute mit dem hässlichen Ausdruck “Antirealismus” (ein Ausdruck von Dummett) bezeichnet. Das Prekäre an “korrespondenztheoretischen Wahrheitsauffassungen” ist schon lange bekannt. Der Wissensskeptiker stellt sich schon seit ca. 2000 Jahren dumm und bevorzugt relativistische Standpunkte (wenn er überhaupt einen Standpunkt bezieht).
Einige Pragmatiker (Anfang 20. Jh.) hatten schon die Neigung gezeigt, Wahrheit mit Bezug auf Erfolg zurückzustutzen. Theoretiker wie Dummett oder Putnam arbeiteten über längere Zeiträume lieber mit dem Begründungsbegriff. Stichwort: begründete Behauptbarkeit von Aussagen (Internalismus). Peirce arbeitete mit einem Wahrheitsbegriff als Grenzbegriff des Endzustand wissenschaftlicher Tätigkeit in the long run.
Mit anderen Worten: Antirealisten gibt es schon so lange wie Realisten. Die Antirealisten sind in Philosophie und Soziologie wohl in der Überzahl.
Davidson übrigens lehnt antirealistische wie realistische Positionen ab. Er will die ganze Unterscheidung unterlaufen. Das macht ihn u.a. interessant, weil es in Richung eines direkten Realismus läuft, der unsere Alltagsüberzeugungen wieder ins Recht setzt. Es ist aber nicht einfach, ihn da genau zu lokalisieren, weil er an einer entscheidenden Stelle ein technisches, zunächst kontraintuitves Argument auffährt. Hinter dieser möglichen Position bin ich her. Es würde eine ganze Klasse herkömmlicher Überlegungen mit einem Schlag demontieren.
Schöne Grüße
Klaus
Sunday, 6. April 2008 14:29
Die Motivation der RK ist nachvollziehbar und für manche (einschließlich mich) unwiderstehlich:
Die klassische Erkenntnistheorie fußt bis heute auf den vor 2500 Jahren begonnenen Überlegungen von Demokrit, Empedokles u.a.. Sie vermittelten, weitgehend unwidersprochen, die Beziehung zwischen einem Subjekt (dem Beobachter) und einem Objekt (dem Beobachteten) durch die Einführung eines Aktes des “Erkennens” zwischen Subjekt und Objekt. Sieht (für die meisten) nach einer sauberen wissenschaftlichen Grundlage aus. Lasst uns munter drauflos philosophieren!
Leider gibt es ein Riesenproblem, das die vergleichsweise wenigen RK (nennen wir sie aus heutiger Sicht mal so), die es über die Jahrhunderte gewagt haben, den Mund aufzumachen, nicht zu ignorieren imstande waren: schon die Unterscheidung in Objekt und Subjekt selbst ist ein Akt der Beobachtung/ des Erkennens. Man darf einfach nicht “Erkennen” durch erkennen einführen. Der Eindruck für manche, dass sich philosophische Diskussionen, z.B. um den Wahrheitsbegriff, “im Kreis drehen”, wenn man nicht mit einer Augen-zu-und-durch-Mentalität gesegnet ist, hängt gewiss nicht ganz zufällig damit zusammen.
Der Ansatz der RK versucht zunächst nur, diesen Missstand zu beseitigen, ohne bisher allzuviele weitergehende (alltagstaugliche) Rezepte geben zu können. Für viele scheint er abenteuerlich: es gibt nur Erkennen, sonst nichts. Ein erkennendes System, das nicht auf die Umwelt, wie wir sie kennen, reagiert, sondern seine existenziellen Rahmenbedingungen sogar selbst schafft und “nur” bestrebt ist, einen Gleichgewichtszustand seiner Operationen einzunehmen.
Verdammt starker Tobak, zugegeben. Aber irgendwas muss man tun. Gut zu wissen, dass du (mit Davidson) ähnlich motiviert bist. Sich an Alltagsüberzeugungen zu orientieren hört sich auf jeden Fall schon mal gut an.
Beste Grüße!
Sunday, 6. April 2008 15:45
Davidson -> Taylor -> Perry, Searle, Barwise -> Bennett, Hochberg -> Davidson -> … ?
Sunday, 6. April 2008 16:19
…sitzen nicht alle im selben Boot (außerdem gibt es mehrere Taylors; Barwise und Perry lehnen das slingshot-Argument ab); Searle entwickelt aus der 1.Person heraus. Es fehlen auch ein paar, z.B. Sellars und Neale.
Übrigens: nimmt die Philosophie eine geglückte Form einer Theorie rationalen Denkverhaltens an, dann pfeift sie gegebenenfalls Wissenschaftler zurück und nicht vice versa. So sagt es mir nichts, etwas sei nicht wissenschaftlich. Und Mathematik ist ein Sonderfall, der mit der Wissensbildung in den empirischen Wissenschaften recht wenig zu tun hat.
Sunday, 6. April 2008 17:42
… sitzen alle im selben Kreis: slingshot hin, slingshot her, das war der Punkt. Oder wo soll ich einsteigen/ den Anfang machen?
Falls es nicht deutlich wurde: jemand, ob Philosoph oder nicht, der sich nicht an das Grundprinzip JEDER Wissenschaft hält: Definiere einen neuen Begriff (Erkenntnis) durch Rückgriff auf bekannte Begriffe und nicht durch Bemühung eben dieses Begriffs, befindet sich weit entfernt von einer geglückten Form rationalen Denkverhaltens. Und wird dann selbstverständlich von jedem echten Wissenschaftler zurückgepfiffen.